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Geschichte und Formen der Fotografie
Kaum ein anderes Feld zeigt so deutlich, wie Technik den Blick formt. Von der Camera obscura bis zur Kamera in jeder Hosentasche.
Die Fotografie ist die jüngste der klassischen Bildkünste und diejenige, an der sich am deutlichsten ablesen lässt, wie Technik den Blick formt. Jedes Mal, wenn sich das Gerät änderte, änderte sich kurz darauf auch, was fotografiert wurde und wie.
Das macht sie für eine Seite über Kreativitätstechniken interessanter, als es zunächst klingt. Hier lässt sich in gut zweihundert Jahren beobachten, was in Workshops in zwei Stunden erzwungen werden soll. Ein verändertes Werkzeug führt zu veränderten Ergebnissen.
Zeitleiste
| Jahr | Ereignis | Wirkung |
|---|---|---|
| ab 11. Jh. | Camera obscura beschrieben | Bild ja, Speicherung nein |
| um 1826 | Niépce, älteste erhaltene Fotografie | Belichtungszeit noch Stunden |
| 1839 | Daguerreotypie wird veröffentlicht | erstes praktikables Verfahren |
| ab 1841 | Talbots Negativ-Positiv-Verfahren | Vervielfältigung wird möglich |
| 1888 | Kodak-Rollfilmkamera | Fotografie verlässt den Fachbetrieb |
| 1907 | Autochrome | erstes brauchbares Farbverfahren |
| 1925 | Leica I in Serie | Kamera passt in die Manteltasche |
| 1935 | Kodachrome | Farbfilm für die Breite |
| 1948 | Polaroid-Sofortbild | Ergebnis in Minuten statt Tagen |
| 1975 | erster digitaler Kameraprototyp | Bild ohne Film |
| ab 1995 | Digitalkameras für Verbraucher | Auslösen kostet nichts mehr |
| 2000 | erstes Mobiltelefon mit Kamera | Kamera immer dabei |
| ab 2010 | Bildbearbeitung im Telefon | Aufnahme und Nachbearbeitung verschmelzen |
Wie die Technik den Blick verändert hat
Stativ und lange Belichtung bedeuteten, dass fotografiert wurde, was stillhält. Frühe Porträts entstanden mit Nackenstützen, frühe Straßenszenen wirken menschenleer, weil Bewegtes nicht abgebildet wurde.
Die Kleinbildkamera ab 1925 kehrte das um. Eine Kamera, die in die Manteltasche passt, muss nicht angekündigt werden. Erst damit entstehen Straßen- und Reportagefotografie und die Vorstellung vom entscheidenden Augenblick, die Henri Cartier-Bresson prägte. Alles im Bild, Geste, Linien, Licht, ist für den Bruchteil einer Sekunde an der richtigen Stelle.
Die Farbe war technisch früh verfügbar und künstlerisch lange verpönt. Farbe galt als kommerziell, Schwarz-Weiß als ernsthaft. Erst in den 1970er-Jahren wurde Farbfotografie in Museen als eigenständige künstlerische Position akzeptiert. Ein gutes Beispiel dafür, dass die Technik oft Jahrzehnte vor der Haltung da ist.
Die Digitalisierung hat vor allem eine Größe verändert, nämlich die Kosten der einzelnen Aufnahme. Vorher zwang der Film zur Auswahl vor dem Auslösen, denn 36 Bilder hatten jedes einen Preis. Heute fällt die Auswahl hinterher und häufig gar nicht.
Das Kamerahandy schließlich hat die Fotografie von einem Vorhaben in eine Nebenhandlung verwandelt. Fotografiert wird nicht mehr, weil man losgezogen ist, sondern weil man gerade da ist.
Formen der Fotografie
| Genre | Worum es geht | Typische Schwierigkeit |
|---|---|---|
| Porträt | Mensch und Ausdruck | Nähe herstellen, ohne zu inszenieren |
| Street | Alltag im öffentlichen Raum | Geduld, Timing, Persönlichkeitsrechte |
| Reportage | eine Geschichte in Bildern | Auswahl, nicht Einzelbild |
| Landschaft | Raum, Licht, Weite | Ort zur richtigen Tageszeit |
| Architektur | Bau, Linie, Proportion | stürzende Linien, Licht am Bau |
| Stillleben und Produkt | Objekt und Licht | Licht bauen statt suchen |
| Mode | Kleidung, Haltung, Stimmung | Team, Zeitplan, Erwartungen |
| Natur und Makro | Tiere, Pflanzen, Details | Wartezeit, Schärfentiefe |
| Sport | Bewegung im Höhepunkt | Vorhersage des Moments |
| Astro | Nachthimmel | Technik, Kälte, Nachführung |
| Experimentell | Verfahren als Thema | keine gesicherte Erwartung |
Die interessanteren Arbeiten entstehen fast immer zwischen diesen Feldern. Architektur mit Porträtblick, Produkt mit Landschaftslicht.
Zur Dokumentarfotografie gehört ein Punkt, der über Technik hinausgeht. Einzelne Aufnahmen aus Kriegen und Krisen haben politische Debatten ausgelöst und sind Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden. Sie zeigen, dass ein Bild nicht nur festhält, sondern selbst zum Ereignis werden kann, mit allen Fragen nach Verantwortung, die daran hängen.
Vier Positionen zum Nachschauen
Karl Blossfeldt, der von 1865 bis 1932 lebte, fotografierte über Jahrzehnte Pflanzenteile vor neutralem Hintergrund in starker Vergrößerung. Ursprünglich war das Material als Vorlage für den Zeichenunterricht gedacht, doch die Bildbände Urformen der Kunst und Wundergarten der Natur wurden zu Klassikern. Die Methode dahinter ist eine Kreativitätstechnik in Reinform. Immer dasselbe Vorgehen, hundertfach wiederholt, bis die Form sichtbar wird.
Robert Demachy, 1859 bis 1936, gehörte zum Piktorialismus, der die Fotografie bewusst der Malerei annäherte, mit weicher Zeichnung und Eingriffen im Edeldruckverfahren. Der Ansatz gilt heute als Umweg, war aber der erste ernsthafte Versuch, Fotografie als Kunst zu behaupten.
Helmut Newton, 1920 bis 2004, verband Mode- und Aktfotografie mit einer kühlen, oft irritierenden Inszenierung. Sein Einfluss auf die Bildsprache der Werbung reicht bis heute.
Andreas Gursky und Thomas Ruff, beide aus der Düsseldorfer Schule, arbeiten mit digitaler Bearbeitung als gestalterischem Mittel. Gursky mit Montage und riesigen Formaten, Ruff mit dem Entfernen von Störendem und mit fremdem Bildmaterial. Damit stellen sie dieselbe Frage, die auch die Malerei nach der Fotografie beschäftigt hat. Was bleibt, wenn die reine Abbildung nicht mehr die Aufgabe ist?
Sechs Übungen für den eigenen Blick
Wer feststeckt, kauft meistens Ausrüstung. Wirksamer ist das Gegenteil, also weniger Möglichkeiten und engere Vorgaben.
Eine Brennweite, vier Wochen. Ein Objektiv ohne Zoom, sonst nichts. Nach zwei Wochen sieht man den Bildausschnitt, bevor die Kamera am Auge ist.
36 Bilder. Pro Ausflug höchstens 36 Aufnahmen, wie eine Filmrolle. Die Auswahl wandert zurück vor den Auslöser, und das verändert alles.
Ein Motiv, zwanzigmal. Dasselbe Objekt aus zwanzig verschiedenen Positionen, Abständen und Höhen. Die ersten fünf sind naheliegend, die letzten fünf interessant.
Serie statt Einzelbild. Nicht ein gutes Foto, sondern acht, die zusammengehören. Der Zwang zur Reihe erzeugt eine Fragestellung, und die fehlt den meisten Einzelbildern.
Reizwort ziehen. Ein zufälliger Begriff, dann losgehen und zu diesem Begriff fotografieren. Der Reizwort-Generator liefert einen per Klick, das Verfahren dahinter steht unter Reizwortanalyse.
Umkehren. Wie mache ich garantiert ein langweiliges Foto? Mittig, auf Augenhöhe, in der Mittagssonne, alles scharf. Die Liste entsteht in zwei Minuten und ist danach eine Checkliste im Negativ. Das Verfahren heißt Kopfstandmethode.
Der eigentliche Punkt
Die Geschichte der Fotografie ist eine Folge von Werkzeugwechseln, und jeder hat einen anderen Blick hervorgebracht. Nicht weil die Menschen begabter wurden, sondern weil sich die Bedingungen änderten.
Daraus folgt für jede kreative Arbeit derselbe praktische Schluss. Wer nicht weiterkommt, sollte nicht angestrengter suchen, sondern die Bedingungen ändern. Anderes Gerät, anderes Format, andere Uhrzeit, andere Beschränkung. Das ist kein Trick, sondern das Verfahren, nach dem dieses Medium in zweihundert Jahren mehrfach neu erfunden wurde.
Häufige Fragen
Wann entstand die erste Fotografie?
Die älteste erhaltene Fotografie stammt von Joseph Nicéphore Niépce und entstand um 1826 oder 1827 als Blick aus seinem Arbeitszimmer in Le Gras. Die Belichtung dauerte Stunden. Zum praktikablen Verfahren wurde die Fotografie erst 1839 mit der Daguerreotypie.
Warum war die Kleinbildkamera so wichtig?
Weil sie die Kamera beweglich machte. Bis dahin bedeutete Fotografieren Stativ, Aufbau und Ankündigung. Die Leica I ab 1925 passte in eine Manteltasche. Erst damit wurden Straßen- und Reportagefotografie und der unbemerkte Moment überhaupt möglich.
Welche Formen der Fotografie gibt es?
Die gängige Einteilung erfolgt nach Motiv und Zweck. Porträt, Landschaft, Architektur, Reportage und Dokumentation, Street, Stillleben und Produkt, Mode, Natur und Makro, Sport, Astro sowie experimentelle Verfahren. Die Grenzen sind fließend, und die meisten guten Bilder entstehen genau dazwischen.
Wie wird man kreativer beim Fotografieren?
Durch Einschränkung und nicht durch Ausrüstung. Eine feste Brennweite über Wochen, eine Obergrenze von 36 Bildern pro Ausflug, ein Motiv zwanzigmal unterschiedlich. Solche Vorgaben erzwingen Entscheidungen. Neue Technik erweitert die Möglichkeiten und verändert den Blick meist wenig.
Hat die Digitalfotografie die Bildqualität verbessert?
Technisch unbestritten. Gestalterisch ist der Befund gemischt. Wo eine Aufnahme nichts mehr kostet, entfällt der Zwang zur Auswahl vor dem Auslösen. Viele Fotografen setzen sich deshalb künstlich die Beschränkungen wieder auf, die der Film früher erzwungen hat.
Quellen & weiterführende Links
Themenbereich: Ideen
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