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Geschichte und Formen der Fotografie

Kaum ein anderes Feld zeigt so deutlich, wie Technik den Blick formt. Von der Camera obscura bis zur Kamera in jeder Hosentasche.

Veröffentlicht am 21.04.2013 Aktualisiert am 06.08.2026

Illustration zum Thema Geschichte und Formen der Fotografie

Die Fotografie ist die jüngste der klassischen Bildkünste und diejenige, an der sich am deutlichsten ablesen lässt, wie Technik den Blick formt. Jedes Mal, wenn sich das Gerät änderte, änderte sich kurz darauf auch, was fotografiert wurde und wie.

Das macht sie für eine Seite über Kreativitätstechniken interessanter, als es zunächst klingt. Hier lässt sich in gut zweihundert Jahren beobachten, was in Workshops in zwei Stunden erzwungen werden soll. Ein verändertes Werkzeug führt zu veränderten Ergebnissen.

Zeitleiste

JahrEreignisWirkung
ab 11. Jh.Camera obscura beschriebenBild ja, Speicherung nein
um 1826Niépce, älteste erhaltene FotografieBelichtungszeit noch Stunden
1839Daguerreotypie wird veröffentlichterstes praktikables Verfahren
ab 1841Talbots Negativ-Positiv-VerfahrenVervielfältigung wird möglich
1888Kodak-RollfilmkameraFotografie verlässt den Fachbetrieb
1907Autochromeerstes brauchbares Farbverfahren
1925Leica I in SerieKamera passt in die Manteltasche
1935KodachromeFarbfilm für die Breite
1948Polaroid-SofortbildErgebnis in Minuten statt Tagen
1975erster digitaler KameraprototypBild ohne Film
ab 1995Digitalkameras für VerbraucherAuslösen kostet nichts mehr
2000erstes Mobiltelefon mit KameraKamera immer dabei
ab 2010Bildbearbeitung im TelefonAufnahme und Nachbearbeitung verschmelzen

Wie die Technik den Blick verändert hat

Stativ und lange Belichtung bedeuteten, dass fotografiert wurde, was stillhält. Frühe Porträts entstanden mit Nackenstützen, frühe Straßenszenen wirken menschenleer, weil Bewegtes nicht abgebildet wurde.

Die Kleinbildkamera ab 1925 kehrte das um. Eine Kamera, die in die Manteltasche passt, muss nicht angekündigt werden. Erst damit entstehen Straßen- und Reportagefotografie und die Vorstellung vom entscheidenden Augenblick, die Henri Cartier-Bresson prägte. Alles im Bild, Geste, Linien, Licht, ist für den Bruchteil einer Sekunde an der richtigen Stelle.

Die Farbe war technisch früh verfügbar und künstlerisch lange verpönt. Farbe galt als kommerziell, Schwarz-Weiß als ernsthaft. Erst in den 1970er-Jahren wurde Farbfotografie in Museen als eigenständige künstlerische Position akzeptiert. Ein gutes Beispiel dafür, dass die Technik oft Jahrzehnte vor der Haltung da ist.

Die Digitalisierung hat vor allem eine Größe verändert, nämlich die Kosten der einzelnen Aufnahme. Vorher zwang der Film zur Auswahl vor dem Auslösen, denn 36 Bilder hatten jedes einen Preis. Heute fällt die Auswahl hinterher und häufig gar nicht.

Das Kamerahandy schließlich hat die Fotografie von einem Vorhaben in eine Nebenhandlung verwandelt. Fotografiert wird nicht mehr, weil man losgezogen ist, sondern weil man gerade da ist.

Formen der Fotografie

GenreWorum es gehtTypische Schwierigkeit
PorträtMensch und AusdruckNähe herstellen, ohne zu inszenieren
StreetAlltag im öffentlichen RaumGeduld, Timing, Persönlichkeitsrechte
Reportageeine Geschichte in BildernAuswahl, nicht Einzelbild
LandschaftRaum, Licht, WeiteOrt zur richtigen Tageszeit
ArchitekturBau, Linie, Proportionstürzende Linien, Licht am Bau
Stillleben und ProduktObjekt und LichtLicht bauen statt suchen
ModeKleidung, Haltung, StimmungTeam, Zeitplan, Erwartungen
Natur und MakroTiere, Pflanzen, DetailsWartezeit, Schärfentiefe
SportBewegung im HöhepunktVorhersage des Moments
AstroNachthimmelTechnik, Kälte, Nachführung
ExperimentellVerfahren als Themakeine gesicherte Erwartung

Die interessanteren Arbeiten entstehen fast immer zwischen diesen Feldern. Architektur mit Porträtblick, Produkt mit Landschaftslicht.

Zur Dokumentarfotografie gehört ein Punkt, der über Technik hinausgeht. Einzelne Aufnahmen aus Kriegen und Krisen haben politische Debatten ausgelöst und sind Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden. Sie zeigen, dass ein Bild nicht nur festhält, sondern selbst zum Ereignis werden kann, mit allen Fragen nach Verantwortung, die daran hängen.

Vier Positionen zum Nachschauen

Karl Blossfeldt, der von 1865 bis 1932 lebte, fotografierte über Jahrzehnte Pflanzenteile vor neutralem Hintergrund in starker Vergrößerung. Ursprünglich war das Material als Vorlage für den Zeichenunterricht gedacht, doch die Bildbände Urformen der Kunst und Wundergarten der Natur wurden zu Klassikern. Die Methode dahinter ist eine Kreativitätstechnik in Reinform. Immer dasselbe Vorgehen, hundertfach wiederholt, bis die Form sichtbar wird.

Robert Demachy, 1859 bis 1936, gehörte zum Piktorialismus, der die Fotografie bewusst der Malerei annäherte, mit weicher Zeichnung und Eingriffen im Edeldruckverfahren. Der Ansatz gilt heute als Umweg, war aber der erste ernsthafte Versuch, Fotografie als Kunst zu behaupten.

Helmut Newton, 1920 bis 2004, verband Mode- und Aktfotografie mit einer kühlen, oft irritierenden Inszenierung. Sein Einfluss auf die Bildsprache der Werbung reicht bis heute.

Andreas Gursky und Thomas Ruff, beide aus der Düsseldorfer Schule, arbeiten mit digitaler Bearbeitung als gestalterischem Mittel. Gursky mit Montage und riesigen Formaten, Ruff mit dem Entfernen von Störendem und mit fremdem Bildmaterial. Damit stellen sie dieselbe Frage, die auch die Malerei nach der Fotografie beschäftigt hat. Was bleibt, wenn die reine Abbildung nicht mehr die Aufgabe ist?

Sechs Übungen für den eigenen Blick

Wer feststeckt, kauft meistens Ausrüstung. Wirksamer ist das Gegenteil, also weniger Möglichkeiten und engere Vorgaben.

Eine Brennweite, vier Wochen. Ein Objektiv ohne Zoom, sonst nichts. Nach zwei Wochen sieht man den Bildausschnitt, bevor die Kamera am Auge ist.

36 Bilder. Pro Ausflug höchstens 36 Aufnahmen, wie eine Filmrolle. Die Auswahl wandert zurück vor den Auslöser, und das verändert alles.

Ein Motiv, zwanzigmal. Dasselbe Objekt aus zwanzig verschiedenen Positionen, Abständen und Höhen. Die ersten fünf sind naheliegend, die letzten fünf interessant.

Serie statt Einzelbild. Nicht ein gutes Foto, sondern acht, die zusammengehören. Der Zwang zur Reihe erzeugt eine Fragestellung, und die fehlt den meisten Einzelbildern.

Reizwort ziehen. Ein zufälliger Begriff, dann losgehen und zu diesem Begriff fotografieren. Der Reizwort-Generator liefert einen per Klick, das Verfahren dahinter steht unter Reizwortanalyse.

Umkehren. Wie mache ich garantiert ein langweiliges Foto? Mittig, auf Augenhöhe, in der Mittagssonne, alles scharf. Die Liste entsteht in zwei Minuten und ist danach eine Checkliste im Negativ. Das Verfahren heißt Kopfstandmethode.

Der eigentliche Punkt

Die Geschichte der Fotografie ist eine Folge von Werkzeugwechseln, und jeder hat einen anderen Blick hervorgebracht. Nicht weil die Menschen begabter wurden, sondern weil sich die Bedingungen änderten.

Daraus folgt für jede kreative Arbeit derselbe praktische Schluss. Wer nicht weiterkommt, sollte nicht angestrengter suchen, sondern die Bedingungen ändern. Anderes Gerät, anderes Format, andere Uhrzeit, andere Beschränkung. Das ist kein Trick, sondern das Verfahren, nach dem dieses Medium in zweihundert Jahren mehrfach neu erfunden wurde.

Häufige Fragen

Wann entstand die erste Fotografie?

Die älteste erhaltene Fotografie stammt von Joseph Nicéphore Niépce und entstand um 1826 oder 1827 als Blick aus seinem Arbeitszimmer in Le Gras. Die Belichtung dauerte Stunden. Zum praktikablen Verfahren wurde die Fotografie erst 1839 mit der Daguerreotypie.

Warum war die Kleinbildkamera so wichtig?

Weil sie die Kamera beweglich machte. Bis dahin bedeutete Fotografieren Stativ, Aufbau und Ankündigung. Die Leica I ab 1925 passte in eine Manteltasche. Erst damit wurden Straßen- und Reportagefotografie und der unbemerkte Moment überhaupt möglich.

Welche Formen der Fotografie gibt es?

Die gängige Einteilung erfolgt nach Motiv und Zweck. Porträt, Landschaft, Architektur, Reportage und Dokumentation, Street, Stillleben und Produkt, Mode, Natur und Makro, Sport, Astro sowie experimentelle Verfahren. Die Grenzen sind fließend, und die meisten guten Bilder entstehen genau dazwischen.

Wie wird man kreativer beim Fotografieren?

Durch Einschränkung und nicht durch Ausrüstung. Eine feste Brennweite über Wochen, eine Obergrenze von 36 Bildern pro Ausflug, ein Motiv zwanzigmal unterschiedlich. Solche Vorgaben erzwingen Entscheidungen. Neue Technik erweitert die Möglichkeiten und verändert den Blick meist wenig.

Hat die Digitalfotografie die Bildqualität verbessert?

Technisch unbestritten. Gestalterisch ist der Befund gemischt. Wo eine Aufnahme nichts mehr kostet, entfällt der Zwang zur Auswahl vor dem Auslösen. Viele Fotografen setzen sich deshalb künstlich die Beschränkungen wieder auf, die der Film früher erzwungen hat.

Quellen & weiterführende Links

Themenbereich: Ideen

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