Kreativitätstechnik

635-Methode

Sechs Teilnehmer, drei Ideen, fünf Weitergaben. Ein strenges Schema, das in einer halben Stunde bis zu 108 ausformulierte Ideen erzeugt, ohne Moderation und ohne Diskussion.

Veröffentlicht am 09.05.2010 Aktualisiert am 13.10.2026

Sechs Blätter mit je drei Feldern im Kreis, zwei Hände reichen ein Blatt weiter: die Weitergabe in der 635-Methode

Die 635-Methode ist die diszipliniertere Schwester des Brainstormings: Sechs Teilnehmer schreiben je drei Ideen in fünf Minuten auf ein Formblatt, dann wandern die Blätter weiter. Niemand redet, niemand moderiert, und nach einer halben Stunde liegen bis zu 108 Einträge auf dem Tisch. Von allen Kreativitätstechniken ist sie die mit dem verlässlichsten Ergebnis je Minute.

Der Name ist die Anleitung. Sechs Teilnehmer, drei Ideen, fünf Minuten je Runde. Der Unternehmensberater Bernd Rohrbach entwickelte das Verfahren 1968 und veröffentlichte es im Jahr darauf in der Zeitschrift Absatzwirtschaft. An der Mechanik hat sich seither nichts geändert, und sie funktioniert immer noch aus demselben Grund. Sie verbietet das Reden.

Das Formblatt

Jeder Teilnehmer bekommt ein Blatt mit drei Spalten und sechs Zeilen. Über den Spalten steht entweder dreimal dieselbe Aufgabe oder, in der zweiten Variante, drei verschiedene Teilfragen.

Ein Blatt mit einem Raster aus drei Spalten und sechs Zeilen, die oberen Felder mit Skizzen gefüllt: das Formblatt der 635-Methode Das 635-Formular: drei Spalten, sechs Zeilen, die ersten Felder gefüllt.

Idee 1Idee 2Idee 3
Runde 1
Runde 2
Runde 3
Runde 4
Runde 5
Runde 6

Sechs Blätter mit je achtzehn Feldern ergeben rechnerisch 108 Einträge. In der Praxis bleiben Felder leer. Sechzig bis achtzig brauchbare Einträge sind ein normales Ergebnis für eine halbe Stunde.

Ablauf Runde für Runde

Ablauf der 635-Methode: Aufgabe vorstellen, Runde 1, Blätter weitergeben, Runden 2 bis 6, Auswertung Sechs Runden zu je fünf Minuten, dann die Auswertung im selben Termin.

Die Aufgabe wird in fünf bis zehn Minuten vorgestellt, klar formuliert und für alle sichtbar aufgeschrieben. Rückfragen werden jetzt geklärt, denn danach wird nicht mehr gesprochen.

In der ersten Runde trägt jeder Teilnehmer drei Ideen in die erste Zeile ein. Stichworte genügen. Verständlich müssen sie trotzdem sein, denn gleich liest sie jemand anderes. Nach fünf Minuten wandern alle Blätter gleichzeitig einen Platz nach rechts.

In den Runden zwei bis sechs läuft es genauso, mit einem Zusatz. Erst werden die Einträge des Vorgängers gelesen, dann wird die eigene Zeile gefüllt. Nach der sechsten Runde ist jedes Blatt einmal um den Tisch gewandert und liegt wieder bei seinem Urheber.

Für die Auswertung sind fünfzehn bis zwanzig Minuten einzuplanen, und diese Zeit gehört in denselben Termin, weil sie sonst nie stattfindet. Die Blätter werden ausgelegt, Dopplungen zusammengefasst und die Einträge mit Klebepunkten bewertet.

Die Zahlen sind Richtwerte. Das Methodenblatt des ISB Bayern nennt vier bis acht Teilnehmende und üblicherweise fünf Minuten je Runde als Spielraum. Mit vier Personen laufen vier Runden, das Formblatt hat dann vier Zeilen.

Zwei Varianten

Variante A, wenige Ideen vertiefen

Über den drei Spalten stehen drei Fragen. Jeder Teilnehmer greift auf, was der Vorgänger geschrieben hat, und entwickelt es weiter. Ein Gedanke durchläuft so sechs Köpfe und wird dabei konkreter. Diese Variante passt zu klar umrissenen Aufgaben, bei denen es auf Ausarbeitung ankommt.

Variante B, viele Ideen sammeln

Über den Spalten steht dreimal dieselbe Frage, oder man arbeitet mit 18 Teilfragen. Jeder Teilnehmer beantwortet sie aus seiner eigenen Sicht neu, ohne auf den Vorgänger einzugehen. Das passt zu breiten Fragestellungen, bei denen Vielfalt wichtiger ist als Tiefe.

Variante AVariante B
Vorgabe3 Fragen3 gleiche oder 18 Teilfragen
Umgang mit Vorgänger-Ideenweiterentwickelnignorieren
Ergebniswenige, tief ausgearbeitete Ansätzeviele, flache Ansätze
Auswertungeinfach, da geordnetaufwendiger, viele Dopplungen

In der Praxis ist Variante A die häufigere und meist die ergiebigere. Sie nutzt den eigentlichen Vorteil der Methode, dass fremde Gedanken den eigenen Denkweg verlassen.

Beispiel aus der Praxis

Ein mittelständischer Betrieb für Holzverarbeitung und Holzveredelung verliert Marktanteile. Der Markt ist in Bewegung, die Konkurrenz größer geworden. Über den drei Spalten standen drei Fragen. Wie sieht das Esszimmer in zehn Jahren aus? Wie könnte eine Kampagne in sozialen Netzwerken für unsere Produkte aussehen? Welche Absatzwege im Internet können wir nutzen?

So entwickelte sich die erste Spalte Runde für Runde weiter.

RundeEintrag
1Tisch wächst mit der Familie mit, erweiterbar
2Erweiterung ohne Werkzeug, Module nachbestellbar
3Module aus Restholz derselben Charge, Maserung passt
4Kunde bekommt Zertifikat mit Herkunft des Baums
5Baum-Patenschaft, Nachpflanzung im Namen des Käufers
6Tisch trägt eingefräste Nummer, Herkunft online abrufbar

Aus dem erweiterbaren Tisch ist über sechs Köpfe hinweg ein Produktkonzept mit Herkunftsnachweis geworden. Kein Teilnehmer hätte das allein entwickelt, jeder hat einen Schritt beigetragen.

Genau darin liegt der Wert von Variante A. Der Gedanke gehört am Ende niemandem mehr, und deshalb verteidigt ihn auch niemand.

Warum die Methode funktioniert

Alle liefern gleich viel. In jeder Gesprächsrunde bestimmen zwei bis drei Personen den Verlauf. Auf dem Papier ist die Verteilung gleich, die stille Kollegin trägt genauso viel bei wie der Abteilungsleiter.

Niemand bewertet während der Sammlung. Weil nicht gesprochen wird, kann auch niemand eine Idee abwerten, während sie entsteht.

Fremde Gedanken brechen die eigenen auf. Wer in Runde vier auf ein Blatt schaut, sieht Ansätze aus drei anderen Köpfen. Der eigene Denkweg wird dadurch zwangsläufig verlassen.

Am Ende steht ein sichtbares Ergebnis. Sechs beschriebene Blätter sind ein Beleg dafür, dass die halbe Stunde etwas gebracht hat. Das klingt banal, verändert aber die Stimmung in Folgeterminen erheblich.

Typische Fehler

Zu unscharfe Aufgabe. „Wie verbessern wir das Marketing?“ liefert Allgemeinplätze. Je konkreter die Frage, desto brauchbarer die Einträge.

Gesprochen statt geschrieben. Sobald einer laut überlegt, kippt die Runde in ein normales Meeting. Die Regel muss vorher klar sein und sollte einmal freundlich durchgesetzt werden. Wie die Moderation eine solche Regel durchsetzt, ohne die Runde zu verlieren, steht im Beitrag über Regeln und Fehler der Moderation.

Zu lange Runden. Bei zehn Minuten fangen die Teilnehmer an, ihre Einträge auszuformulieren und zu begründen. Die Knappheit ist Absicht. Ein Workshop-Timer hilft, sie einzuhalten, am Tisch ein Time Timer oder eine Sanduhr.

Unleserliche Stichworte. Was der Nächste nicht entziffert, kann er nicht weiterentwickeln. Ein Hinweis zu Beginn spart später Rückfragen.

Keine Auswertung. Sechs volle Blätter in einer Mappe sind kein Ergebnis. Die Bewertung gehört unmittelbar dahinter oder wenigstens in einen fest terminierten Folgetermin.

Stärken und Grenzen

StärkeGrenze
ohne Moderation, ein Zeitnehmer genügtstarr: Wer merkt, dass die Frage falsch gestellt war, sitzt die restlichen Runden ab
in einer halben Stunde durchunter Zeitdruck entstehen viele naheliegende Einträge
niemand muss sich öffentlich exponierenwenig Überraschendes, weniger als bei der Reizwortanalyse
sechs beschriebene Blätter als greifbares Ergebnisdie Auswertung braucht einen eigenen Zeitblock

Die Methode funktioniert auch in Gruppen, die einander wenig vertrauen, weil niemand laut sprechen muss. In Abteilungen mit klarer Hierarchie ist das häufig der Grund, überhaupt mit ihr anzufangen.

Für die anschließende Bewertung eignet sich die 6-Hüte-Methode. Wenn Sie viele Ideen zu einem Thema brauchen, das sich in Merkmale zerlegen lässt, ist der morphologische Kasten das passendere Werkzeug.

Zum Weiterlesen

Rohrbachs Aufsatz von 1969 ist nur in Bibliotheken greifbar. Die zugänglichere Quelle ist Helmut Schlicksupps Innovation, Kreativität und Ideenfindung, ein Standardwerk, das die 635-Methode neben den anderen Brainwriting-Verfahren beschreibt und Formblätter zum Nachbauen enthält.

Häufige Fragen

Wofür stehen die Zahlen 6, 3 und 5?

Sechs Teilnehmer entwickeln je drei Ideen in fünf Minuten. Danach werden die Blätter weitergereicht. Nach sechs Runden hat jedes Blatt alle Teilnehmer durchlaufen, und es liegen bis zu 108 Einträge vor, also sechs Blätter mit je drei Spalten und sechs Zeilen.

Funktioniert die Methode auch mit weniger als sechs Personen?

Ja. Bei vier Personen laufen vier Runden, bei fünf entsprechend fünf. Das Schema bleibt gleich, nur die Zahl der Zeilen im Formblatt sinkt. Unter vier Teilnehmern lohnt sich der Aufwand nicht mehr, dann bringt freies Schreiben genauso viel.

Was macht man, wenn jemandem nichts mehr einfällt?

Leere Felder sind erlaubt und normal, besonders in den letzten Runden. Wichtiger ist die Alternative. Greifen Sie eine vorhandene Idee des Vorgängers auf und entwickeln Sie sie weiter, statt zwanghaft etwas Neues zu erfinden. Genau dafür ist die Weitergabe da.

Geht die 635-Methode auch online?

Ja, mit einer geteilten Tabelle, in der jede Person eine eigene Spalte hat und nach fünf Minuten eine Spalte weiterrückt. Die Kamera bleibt aus, der Chat geschlossen, damit die Stille erhalten bleibt. Den Takt gibt ein sichtbarer Timer auf dem geteilten Bildschirm vor.

Wie unterscheidet sich die 635-Methode vom Brainwriting?

Die 635-Methode ist eine feste Ausprägung des Brainwritings mit vorgegebener Teilnehmerzahl, Ideenzahl und Zeit. Brainwriting ist der Oberbegriff für alle stillen Schreibverfahren, bei denen Ideen auf Papier weitergegeben werden.

Braucht man wirklich exakt fünf Minuten pro Runde?

Fünf Minuten sind bewusst knapp. Sie reichen für drei Stichworte und nicht für ein Gespräch darüber, und genau das ist die Absicht. Bei komplexen Fachfragen kann man auf sieben Minuten gehen, sollte aber unter zehn bleiben, sonst kippt die Runde ins Ausformulieren.

Quellen & weiterführende Links

Themenbereich: Kreativitätstechniken

Passende Produkte

Anzeige · Affiliate-Links

Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen. Preise und Verfügbarkeit können abweichen.

Weiterlesen

Welche Technik passt zu Ihrer Aufgabe?

Fünf Fragen zu Gruppe, Ziel, Zeit und Ausgangslage. Der Methodenfinder nennt die passende Technik und den nächsten Schritt.

Methodenfinder starten