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Kreativität bei Kindern
Kinder sind von sich aus kreativ. Die eigentliche Aufgabe ist nicht, das zu erzeugen, sondern es nicht abzugewöhnen.
Bei Erwachsenen lautet die Frage, wie man Kreativität wieder herstellt. Bei Kindern lautet sie anders. Wie erhält man, was ohnehin da ist?
Ein vierjähriges Kind fragt nicht, ob eine Idee brauchbar ist. Es baut aus einer Wäscheklammer ein Raumschiff und aus einer Decke ein Haus, ohne den Umweg über die Bewertung. Genau diesen Umweg trainieren wir ihm später an, meist in bester Absicht.
Was die Forschung dazu sagt
Zwei Befunde sind für die Praxis besonders nützlich.
Der Knick um das neunte Lebensjahr. E. Paul Torrance beobachtete in Längsschnittuntersuchungen, dass die Werte in Kreativitätstests bei vielen Kindern um die vierte Klasse vorübergehend absinken. Als Erklärungen gelten der wachsende Wunsch, dazuzugehören und nicht aufzufallen, und ein Schulbetrieb, der überwiegend eindeutig richtige Antworten verlangt. Der Befund ist gut dokumentiert, die Deutung wird weiter diskutiert.
Die Erwartung von Bewertung wirkt. Teresa Amabile ließ Kinder in mehreren Untersuchungen Collagen und Bilder anfertigen. Die einen wussten, dass ihre Arbeit beurteilt oder prämiert wird, die anderen nicht. Die Arbeiten der zweiten Gruppe wurden von unabhängigen Beurteilern regelmäßig als origineller eingestuft.
Das ist die unbequemste Erkenntnis für alle, die fördern wollen. Ausgerechnet das Fördern in Form von Loben, Bewerten und Prämieren kann den Effekt umkehren.
Nach Altersstufen
| Alter | Was passiert | Was hilft | Was bremst |
|---|---|---|---|
| 1 bis 3 Jahre | Materialerfahrung, schütten, stapeln, matschen | große, ungefährliche Materialien, Wiederholung zulassen | zu viel Spielzeug auf einmal |
| 3 bis 6 Jahre | Rollenspiel, Bauen, erste Geschichten | unfertiges Material, Zeit ohne Programm, Mitspielen ohne Führen | Anleitungen und Vorlagen |
| 6 bis 10 Jahre | Regeln werden wichtig, richtig zählt | Projekte über mehrere Tage, eigene Themen | Vergleich mit anderen Kindern |
| 10 bis 14 Jahre | Selbstkritik, Angst vor Blamage | eigenes Fachgebiet vertiefen, Publikum finden | Bewertung durch Erwachsene, Wettbewerbe |
Die Spalte rechts ist die interessantere. Fast alles, was bremst, ist gut gemeint.
Fünf Dinge, die tatsächlich wirken
1. Unverplante Zeit
Der wirksamste Punkt kostet nichts und ist am schwersten durchzuhalten. Stunden ohne Programm. „Mir ist langweilig“ ist kein Notfall, sondern der Anfang. Nach zehn bis zwanzig Minuten entsteht fast immer etwas, wenn niemand vorher eingreift.
Wer die Langeweile sofort mit einem Vorschlag beendet, nimmt dem Kind den Teil, um den es geht. Sich selbst etwas auszudenken.
2. Unfertiges Material
Je weniger ein Gegenstand schon einen Zweck hat, desto mehr lässt sich damit anfangen.
| Ergiebig | Weniger ergiebig |
|---|---|
| Kartons, Papier, Klebeband | Bastelsets mit vorgestanzten Teilen |
| Bauklötze, einfache Steckbausteine | Bausätze mit einer richtigen Lösung |
| Stoffreste, Wolle, Schnur | Ausmalvorlagen |
| Naturmaterial wie Zapfen, Stöcke, Steine | Spielzeug mit fester Rolle und Geräusch |
| Decken, Wäscheklammern, Stühle | Bildschirmspiele mit vorgegebenem Ablauf |
Eine Decke über zwei Stühle ist ein Haus, ein Zelt, eine Höhle und ein Boot. Ein Spielzeugboot ist ein Boot.
3. Nicht bewerten, auch nicht positiv
„Das ist aber schön geworden“ klingt freundlich und setzt einen Maßstab. Beim nächsten Bild weiß das Kind, worauf es ankommt, und arbeitet darauf hin.
| Statt | Besser |
|---|---|
| „Das ist aber schön geworden.“ | „Erzähl mir davon.“ |
| „Was soll das denn sein?“ | „Wie bist du darauf gekommen?“ |
| „Der Baum ist doch nicht blau.“ | „Warum ist der Baum blau?“ |
| „Soll ich dir helfen?“ | „Was hast du schon probiert?“ |
| „Prima gemacht!“ | „Das mit dem Dach war knifflig, oder?“ |
Der Unterschied ist nicht Höflichkeit, sondern Richtung. Die rechte Spalte fragt nach dem Weg, die linke urteilt über das Ergebnis.
4. Mitmachen, ohne zu führen
Kinder machen nach, was Erwachsene tun, und nicht, was sie empfehlen. Wer selbst baut, zeichnet, repariert oder musiziert, wirkt stärker als jede Aufforderung.
Die Regel dabei lautet eigenes Werk statt Verbesserung des fremden. Wer neben dem Kind an einer eigenen Sache arbeitet, ist Vorbild. Wer am Werk des Kindes mitarbeitet, macht daraus ein fremdes.
5. Fragen statt Antworten
„Warum ist der Himmel blau?“ lässt sich beantworten. Interessanter ist die Rückfrage. „Was glaubst du?“ Nicht als Ausweichmanöver, denn die Antwort kommt danach, sondern als Übung darin, dass man selbst etwas vermuten darf.
Im Kindergarten
Der Kindergarten trägt etwas bei, was zu Hause schwer herstellbar ist. Andere Kinder mit anderen Ideen. Ein Bauwerk, an dem vier Kinder arbeiten, wird anders als eines, das ein Kind allein baut, und der Aushandlungsprozess ist Teil der Sache.
Drei pädagogische Ansätze werden dabei häufig genannt. Montessori arbeitet mit einer vorbereiteten Umgebung, klaren Materialien und von jedem Material nur einem Exemplar. Das ist keine Sparmaßnahme, sondern erzwingt Abwarten, Absprache und den Umweg über etwas anderes. Reggio Emilia versteht den Raum als dritten Erzieher und arbeitet mit Projekten über Wochen statt mit Beschäftigung für den Vormittag, dokumentiert wird statt bewertet. Und Friedrich Fröbel, der Begründer des Kindergartens, entwickelte mit seinen Spielgaben bereits im 19. Jahrhundert bewusst unfertiges Material aus Kugel, Walze und Würfel.
Woran man eine gute Einrichtung praktisch erkennt, lässt sich in drei Sätzen sagen. Es gibt Material, das nicht für einen bestimmten Zweck gedacht ist. Es hängen unterschiedliche Werke an der Wand statt fünfundzwanzig ähnlicher. Und es gibt Zeiten, in denen nichts angeleitet wird.
In der Schule
Hier beginnt das Spannungsfeld. Schule braucht überprüfbare Ergebnisse, und Überprüfbarkeit verlangt eindeutige Antworten. Das ist nicht falsch, aber es ist die Umgebung, in der der beschriebene Knick auftritt.
Zu Hause hilft dagegen viererlei. Lassen Sie ein eigenes Gebiet zu, auch ein schräges, denn Vertiefung erzeugt Material zum Kombinieren. Sorgen Sie für ein Publikum jenseits der Note, also eine Geschichte, die jemand liest, ein Bild, das jemand aufhängt, ein Modell, das jemand ansieht. Behandeln Sie Fehlversuche als normal, denn wer das Misslungene wegräumt, bevor jemand es sieht, vermittelt vom Vorgehen ein falsches Bild. Und verplanen Sie nicht jede freie Stunde, weil drei Nachmittage mit Kursen schnell voll sind und dann der leere vierte fehlt.
Für ältere Kinder eignen sich außerdem einige der Übungen aus dem kreativen Schreiben. Das Elfchen und die Sechs-Wort-Geschichte funktionieren ab etwa acht Jahren gut.
Die häufigsten Fehler
| Fehler | Warum er wirkt | Besser |
|---|---|---|
| Jede Idee sofort loben | erzeugt einen Maßstab | nach dem Vorgehen fragen |
| Korrigieren, während gearbeitet wird | macht das Werk zum fremden | Hände weg, notfalls daneben eigenes machen |
| Bastelsets kaufen | Ergebnis ist vorentschieden | Kartons, Papier, Reste |
| Jede Langeweile beenden | nimmt die Phase weg, in der Ideen kommen | zehn Minuten aushalten |
| Wettbewerbe als Motivation | Bewertungserwartung senkt die Originalität | ausstellen statt bewerten |
| Zu viel Material auf einmal | lähmt statt zu befreien | wenig, dafür offen |
Was am Ende bleibt
Kinder brauchen für Kreativität weniger, als der Handel nahelegt. Zeit, Material ohne Zweck und Erwachsene, die aushalten, dass das Ergebnis unbekannt ist.
Das Letzte ist das Schwierigste. Wer dem Kind Freiraum zugesteht und dann alle zehn Minuten fragt, was daraus wird, hat den Freiraum wieder eingesammelt. Was für Erwachsene daraus folgt, steht unter Kreativitätsförderung. Die Grundsätze sind erstaunlich ähnlich.
Häufige Fragen
Wie fördert man die Kreativität von Kindern?
Vor allem durch drei Dinge. Unverplante Zeit, unfertiges Material und den Verzicht auf Bewertung. Kinder, die nicht durchgehend beschäftigt werden, entwickeln von allein Ideen. Ein Karton lässt mehr zu als ein fertiges Spielzeug. Und „Erzähl mir davon“ bringt mehr als „das ist aber schön geworden“.
Ist Lob schlecht für die Kreativität?
Lob ist nicht schlecht, aber Bewertung wirkt anders als gedacht. Studien von Teresa Amabile zeigen, dass Kinder, die eine Beurteilung oder eine Belohnung erwarten, weniger originell arbeiten als Kinder ohne diese Erwartung. Hilfreicher als das Urteil über das Ergebnis ist Interesse am Vorgehen, also was schwierig war und wie das Kind es gelöst hat.
Ab welchem Alter kann man Kreativität fördern?
Sobald ein Kind greift und Dinge zusammenbringt, also im zweiten Lebensjahr. Was sich ändert, ist die Form. Erst Materialerfahrung, dann Rollenspiel und Bauen, später Regeln, Serien und Projekte. Was gleich bleibt, ist die Voraussetzung, nämlich Zeit und Material ohne festgelegtes Ergebnis.
Was ist der Vierte-Klasse-Knick?
E. Paul Torrance beobachtete in Längsschnittuntersuchungen, dass die Werte in Kreativitätstests bei vielen Kindern um das neunte bis zehnte Lebensjahr vorübergehend absacken. Als Erklärung gelten der zunehmende Wunsch dazuzugehören und der Schulbetrieb mit seinen eindeutigen richtigen Antworten. Der Befund ist gut dokumentiert, seine Deutung wird bis heute diskutiert.
Wie viel Bildschirmzeit ist mit Kreativität vereinbar?
Entscheidender als die Menge ist die Art. Etwas selbst herzustellen, einen Film, eine Geschichte, eine Zeichnung, ein Spiel, ist etwas anderes als endloses Ansehen. Und wichtig ist, was die Zeit verdrängt. Wenn keine unverplanten, langweiligen Stunden mehr übrig bleiben, fehlt genau die Phase, in der Kinder eigene Einfälle entwickeln.
Quellen & weiterführende Links
Themenbereich: Ideen
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