Kreativitätstechnik

Kreatives Schreiben: Übungen

Übungen, die den inneren Zensor ausschalten und den Ideenfluss in Gang bringen, auch für alle, die nicht schreiben, sondern denken wollen.

Veröffentlicht am 16.02.2014 Aktualisiert am 06.08.2026

Illustration zum kreativen Schreiben

Kreatives Schreiben klingt nach Literaturkurs. Der Nutzen reicht weiter. Dieselben Übungen helfen jedem, der formulieren muss, im Beruf, im Studium oder beim Sortieren der eigenen Gedanken.

Der Kern aller Übungen ist derselbe. Sie schalten den inneren Zensor ab. Beim Schreiben laufen zwei Vorgänge gleichzeitig, das Formulieren und das Beurteilen. Solange beide gleichzeitig laufen, entsteht nichts, weil man den Satz streicht, bevor er fertig ist. Die Übungen trennen die beiden. Erst schreiben, dann prüfen.

Zehn Übungen

#ÜbungDauerGut gegen
1Freewriting10 Minleeres Blatt
2Der schlechteste Text15 Minzu hoher Anspruch
3Perspektivwechsel15 Minfestgefahrene Sicht
4Drei Reizwörter20 MinIdeenmangel
5Der erste Satz10 MinAnfangsschwierigkeiten
6Elfchen10 MinWeitschweifigkeit
7Nur Hauptsätze15 MinSchachtelsätze
8Der Gegenstand erzählt20 MinPerspektivarmut
9Das Gespräch aufschreiben20 Minsteife Sprache
10Sechs Wörter5 Minfehlende Verdichtung

1. Freewriting

Zehn Minuten schreiben, ohne abzusetzen. Nicht korrigieren. Nicht zurücklesen. Nicht überlegen. Wenn nichts kommt, schreiben Sie das letzte Wort weiter oder ziehen Wellenlinien. Die Hand darf nur nicht stehenbleiben.

Der Ertrag ist selten der Text. Der Ertrag ist, dass man danach überhaupt schreiben kann, weil der innere Zensor für eine Weile abgeschaltet bleibt.

2. Der schlechteste Text

Schreiben Sie absichtlich die schlechteste denkbare Fassung, voller Floskeln, umständlich, langweilig. Klingt albern, wirkt aber sofort, weil der Anspruch wegfällt, der blockiert. Erstaunlich oft steht in der bewusst schlechten Fassung ein brauchbarer Satz.

3. Perspektivwechsel

Nehmen Sie einen Text, den Sie geschrieben haben, und schreiben Sie ihn aus einer anderen Sicht neu. Aus Sicht des Kunden, des Kritikers, eines Kindes, eines Menschen, der es eilig hat. Die Übung deckt zuverlässig auf, was im Original nur für einen selbst verständlich war.

4. Drei Reizwörter

Ziehen Sie drei zufällige Begriffe und schreiben Sie einen Text, in dem alle drei vorkommen. Der Reizwort-Generator liefert sie per Klick. Die Übung ist die Schreibvariante der Reizwortanalyse und funktioniert aus demselben Grund. Der Zwang zur Verbindung erzeugt Wege, die man von allein nicht genommen hätte.

5. Der erste Satz

Schreiben Sie zehn verschiedene erste Sätze zum selben Thema. Nur die ersten Sätze, sonst nichts. Dann wählen Sie den besten und schreiben weiter.

Wer sich am Anfang festbeißt, hat meist das Problem, dass der erste Satz gleichzeitig der beste sein soll. Zehn Kandidaten lösen das.

6. Elfchen

Elf Wörter in fünf Zeilen, verteilt als eins, zwei, drei, vier, eins.

Papier liegt still wartet auf Worte die noch nicht kommen gleich

Die Form ist streng und deshalb hilfreich, denn bei elf Wörtern muss jedes einzelne sitzen und keines darf nur der Füllung dienen. Elf Wörter verzeihen nichts. Eine der wenigen Übungen, die auch mit Kindern gut funktioniert.

7. Nur Hauptsätze

Schreiben Sie eine halbe Seite ausschließlich in Hauptsätzen. Kein „weil“, kein „obwohl“, kein Komma außer bei Aufzählungen.

Die Übung wirkt auf jeden, der zu Schachtelsätzen neigt. Man merkt schnell, dass vieles, was man für Präzision hielt, Absicherung war.

8. Der Gegenstand erzählt

Wählen Sie einen Alltagsgegenstand und schreiben Sie aus seiner Sicht. Was sieht ein Türgriff? Was denkt eine Kaffeetasse über den Montag? Klingt kindlich. Es ist die schnellste Art, den gewohnten Blickwinkel zu verlassen.

9. Das Gespräch aufschreiben

Schreiben Sie ein Gespräch zwischen zwei Personen über Ihr Thema, nur wörtliche Rede, keine Beschreibung. Gesprochene Sprache ist direkter als geschriebene. Wer anschließend zurückübersetzt, hat meist einen deutlich lebendigeren Text.

10. Sechs Wörter

Erzählen Sie eine ganze Geschichte in sechs Wörtern. Die berühmteste, angeblich und wohl fälschlich Hemingway zugeschrieben, lautet auf Englisch For sale: baby shoes, never worn.

Die Übung dauert fünf Minuten und ist die härteste Schule der Verdichtung, die es gibt.

Gegen die Schreibblockade

Wenn gar nichts geht, hilft selten mehr Anstrengung, sondern eine andere Anforderung.

Sprechen statt schreiben. Erklären Sie das Thema jemandem laut und nehmen Sie es auf, anschließend tippen Sie es ab. Der Text ist da, er musste nur nicht geschrieben werden.

Woanders anfangen. Der Anfang ist der schwerste Teil. Schreiben Sie erst den mittleren Abschnitt.

Nicht auf Papier. Sondern auf einer Serviette oder auf der Rückseite eines Umschlags. Ein leeres, offizielles Dokument macht Druck, ein Zettel nicht.

Zeitfenster verkürzen. Nicht „heute Nachmittag“, sondern „die nächsten sieben Minuten“. Kurz ist leichter anzufangen.

In der Gruppe

Kreatives Schreiben funktioniert in Gruppen, aber mit einer klaren Trennung. Geschrieben wird allein. Wer gemeinsam schreibt, gleicht sich an, und am Ende ähneln sich alle Texte.

Bewährt hat sich ein gemeinsamer Einstieg ins Thema, dann fünfzehn bis zwanzig Minuten stille Einzelarbeit, danach Vorlesen und Austausch. Beim Austausch gilt dieselbe Regel wie beim Brainstorming. Erst beschreiben, was wirkt, und erst danach, was fehlt.

Wichtig ist außerdem, dass alle Teilnehmer sich vorab mit dem Thema befasst haben. Sonst schreiben einige an der Sache vorbei, und das Vorlesen wird für sie unangenehm.

Und wenn man gar nicht schreiben will?

Dann sind die Übungen trotzdem nützlich, nämlich als Denkwerkzeug. Freewriting ist eine Ideenfindungstechnik, die zufällig auf Papier stattfindet. Der Perspektivwechsel steckt auch in der 6-Hüte-Methode. Und „der schlechteste Text“ ist im Kern dasselbe wie die Kopfstandmethode, denn die Umkehrung nimmt den Druck.

Wer beim Schreiben lockerer wird, wird es auch beim Denken. Das ist der eigentliche Grund, warum diese Übungen auf einer Seite stehen, die sich sonst mit Kreativitätstechniken für den Beruf beschäftigt.

Häufige Fragen

Was ist kreatives Schreiben?

Kreatives Schreiben umfasst alle Übungen, die den Schreibfluss anregen und das Formulieren lockern. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Literaturausbildung, heute wird er weiter gefasst. Auch wer Konzepte, Texte fürs Berufsleben oder einfach seine Gedanken sortieren will, profitiert von denselben Übungen.

Wie funktioniert Freewriting?

Sie schreiben zehn Minuten ohne Unterbrechung, ohne zu korrigieren und ohne den Stift abzusetzen. Fällt Ihnen nichts ein, schreiben Sie das letzte Wort weiter oder ziehen Wellenlinien. Hauptsache, die Hand bleibt in Bewegung. Ziel ist nicht ein guter Text, sondern das Ausschalten des inneren Zensors.

Was hilft gegen eine Schreibblockade?

Meistens ein Wechsel der Anforderung. Wer nicht schreiben kann, soll erzählen, also das Thema laut jemandem erklären und mitschneiden. Oder bewusst schlecht schreiben, die schlechteste denkbare Fassung, absichtlich. Beides umgeht den Anspruch, der blockiert.

Muss man Talent haben?

Für die Übungen nicht. Sie trainieren Handwerk, also Wortschatz, Satzbau und den Mut zum ersten Entwurf. Talent macht den Unterschied zwischen gut und herausragend. Zwischen gar nicht und ordentlich macht ihn Übung.

Funktionieren die Übungen auch in der Gruppe?

Ja, mit einer Einschränkung. Geschrieben wird allein, der Austausch kommt danach. Wer gemeinsam schreibt, beeinflusst sich gegenseitig und landet bei ähnlichen Texten, und genau das soll die Übung vermeiden.

Themenbereich: Kreativitätstechniken

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