Kreativitätstechnik

Brainstorming: Ablauf, Regeln und Beispiele

Die bekannteste Kreativitätstechnik und die am häufigsten falsch durchgeführte. Woran es meist liegt und wie es besser geht.

Veröffentlicht am 12.03.2014 Aktualisiert am 06.08.2026

Illustration zur Kreativitätstechnik Brainstorming

Brainstorming ist die bekannteste Kreativitätstechnik und die am häufigsten falsch durchgeführte. „Wir machen mal ein Brainstorming“ heißt in vielen Besprechungen schlicht, dass jetzt eine Weile ohne Tagesordnung geredet wird.

Das ist kein Brainstorming. Die Methode hat vier klare Regeln, und wenn eine davon fehlt, sinkt der Ertrag spürbar. Alex Osborn beschrieb sie 1953 in Applied Imagination. Sie sind kurz genug, um sie auswendig zu können.

Die vier Regeln

RegelWas sie bedeutetWarum sie wichtig ist
Keine KritikWährend der Sammlung wird nichts bewertet, weder positiv noch negativBewertung bremst die Menge. Auch „gute Idee!“ wirkt, weil es einen Maßstab setzt
Verrücktes willkommenUnrealistische Beiträge sind ausdrücklich erwünschtAus einer absurden Idee wird oft durch Abwandlung eine brauchbare
Menge vor GüteZiel ist die Zahl, nicht die QualitätDie brauchbaren Ideen kommen erfahrungsgemäß in der zweiten Hälfte
Aufgreifen erlaubtIdeen anderer dürfen übernommen und weitergedacht werdenDer eigentliche Gruppenvorteil, denn niemand besitzt eine Idee

Die erste Regel ist die wichtigste und die am schwersten durchzuhaltende. Sie meint mehr als ausgesprochene Kritik. Sie meint auch Gesichtsausdrücke und das kleine „Hmm, das hatten wir schon“. Genau deshalb braucht eine Runde ab fünf Personen jemanden, der moderiert.

Ablauf in fünf Phasen

1. Aufgabe vorstellen, 5 bis 10 Minuten

Die Frage wird formuliert und für alle sichtbar aufgeschrieben. Randthemen, die vorher schon ausgeschlossen wurden, werden benannt, sonst kommen sie zwangsläufig wieder.

Eine brauchbare Frage ist konkret, aber nicht lösungsnah.

zu weitzu engpassend
Wie werden wir besser?Soll der Newsletter dienstags oder donnerstags kommen?Wie erreichen wir, dass unser Newsletter regelmäßig gelesen wird?
Wie sparen wir Kosten?Streichen wir das Sommerfest?An welchen Stellen entstehen bei uns Kosten, die niemandem nützen?

2. Stille Einzelphase, 5 Minuten

Dieser Schritt steht in kaum einer Anleitung und ist trotzdem der wirksamste. Jeder notiert zunächst allein seine ersten Gedanken. Das kostet fünf Minuten und verhindert, dass die erste laut ausgesprochene Idee die Richtung für alle vorgibt.

3. Sammeln, 15 bis 30 Minuten

Jetzt wird laut gesammelt. Alles wird notiert, sichtbar für alle. Die Moderation schreibt mit, wertet nicht und greift nur ein, wenn jemand bewertet oder wenn eine Person zu lange spricht.

Wenn die Runde nach zehn Minuten erlahmt, und das tut sie fast immer, ist das kein Grund abzubrechen. Genau hier hilft ein Impuls von außen. Werfen Sie ein Reizwort ein, das der Reizwort-Generator per Klick liefert. Oder drehen Sie die Frage um und fragen, wie man garantiert das Gegenteil erreicht, wie es die Kopfstandmethode vorsieht. Auch eine vorgegebene Perspektive wirkt, etwa die Frage, wie ein Zwölfjähriger das lösen würde.

4. Ordnen, 10 bis 15 Minuten

Dopplungen zusammenfassen, Ähnliches gruppieren, unklare Beiträge vom Urheber erklären lassen. Erst jetzt darf gefragt werden, bewertet aber immer noch nicht.

5. Bewerten, 10 bis 15 Minuten

Ein einfaches Punkteverfahren reicht. Jeder erhält drei Klebepunkte und darf sie frei verteilen, auch mehrere auf dieselbe Idee. Die fünf bestbewerteten Ideen kommen in die Nachbereitung.

Wer gründlicher bewerten will, nutzt die 6-Hüte-Methode. Sie sorgt dafür, dass Begeisterung und Bedenken getrennt zur Sprache kommen.

Die Nachbereitung entscheidet

Ein Brainstorming ohne Nachbereitung ist ein netter Nachmittag. Damit daraus etwas wird, braucht es drei Festlegungen, bevor die Runde auseinandergeht. Wer kümmert sich um welche Idee, bis wann liegt ein nächster Zwischenstand vor, und wann trifft sich die Runde wieder. Der letzte Punkt braucht einen Termin und kein „demnächst“.

Ohne diese drei Festlegungen verschwinden die Ergebnisse in einer Fotodatei vom Flipchart.

Beispiel aus der Praxis

Eine Schreinerei fragte, womit sich die Werkstatt auslasten lässt, wenn Möbelaufträge zurückgehen.

In der Rohsammlung standen unter anderem Kunst, Galerie und Ausstellungsstücke, Zusammenarbeit mit Bildhauern, Reparatur alter Möbel, Restaurierung, Schnitzarbeiten, Spielzeug aus Restholz, Kartenspiele mit Holzelementen, Messestände, Ladeneinrichtung, Sonderanfertigungen für Sammler, Kurse für Laien, Workshops am Wochenende, Holz-Abos für Bastler, Verkauf von Restholz und die Vermietung der Werkstatt außerhalb der Arbeitszeit.

Gruppiert ergab sich dieses Bild.

GruppeIdeen darausErste Einschätzung
Dienstleistung statt ProduktReparatur, Restaurierung, Sonderanfertigungvorhandene Fähigkeiten, kein Materialrisiko
Wissen verkaufenKurse, Workshops, Vermietungneue Zielgruppe, braucht Organisation
Reste verwertenSpielzeug, Bastelpakete, Restholzverkaufgeringer Einsatz, kleiner Ertrag
Kunstnahe KooperationenGalerie, Bildhauer, Ausstellunghohes Profil, unsichere Nachfrage

Die Punktevergabe entschied für Wochenendkurse und Restaurierung. Beides wurde in den folgenden Monaten getestet, und die Kurse liefen besser als erwartet, weil sie die Werkstatt genau dann füllten, wenn sie sonst leer stand.

Bemerkenswert daran ist die Position. „Kurse für Laien“ stand in der Rohsammlung an vierzehnter Stelle. In den ersten fünf Minuten wäre die Idee nie gefallen.

Warum Brainstorming oft weniger bringt als erhofft

Es gibt eine unbequeme Forschungslage. Michael Diehl und Wolfgang Stroebe wiesen 1987 nach, dass Einzelpersonen, die getrennt arbeiten und ihre Ergebnisse anschließend zusammenlegen, meist mehr Ideen produzieren als dieselbe Anzahl Personen in einer Gruppe.

Drei Gründe werden dafür verantwortlich gemacht. Es kann immer nur einer sprechen, und während man wartet, vergisst man die eigene Idee. Auch ohne ausgesprochene Kritik hält man Beiträge zurück, die dumm wirken könnten. Und in der Gruppe strengt sich der Einzelne weniger an, weil sein Beitrag weniger sichtbar ist.

Das ist kein Grund, Brainstorming abzuschaffen, aber ein sehr guter Grund für die stille Einzelphase am Anfang. Wer ganz sichergehen will, nutzt gleich Brainwriting oder die 635-Methode. Beide bewahren den Gruppenvorteil und umgehen die Blockierung.

Die häufigsten Fehler

Der Chef spricht zuerst. Danach bewegt sich die Runde in dessen Richtung. Wenn eine Führungskraft dabei ist, sollte sie zuletzt beitragen oder gar nicht.

Zu früh bewertet. Der Klassiker. Ein einziges „Das geht bei uns nicht“ reicht, um den Rest der Runde vorsichtig zu machen.

Zu viele Teilnehmer. Über zwölf Personen kommt niemand mehr zu Wort. Teilen Sie auf und legen Sie die Ergebnisse zusammen.

Nichts wird aufgeschrieben. Was nicht an der Wand steht, kann niemand aufgreifen, und Regel vier fällt aus.

Kein Ende der Sammelphase. Ohne Zeitvorgabe gleitet die Runde in die Diskussion. Ein Timer hilft mehr, als man erwartet.

Wann eine andere Methode besser ist

SituationBessere Wahl
Die Gruppe ist zurückhaltendBrainwriting
Es soll schnell gehen und jeder liefern635-Methode
Die Runde dreht sich im KreisReizwortanalyse oder Kopfstandmethode
Ein Produkt soll verbessert werdenSCAMPER
Es soll nichts übersehen werdenMorphologischer Kasten
Mehr als 20 PersonenWorld Café

Wenn Sie unsicher sind, fragt der Methodenfinder fünf Dinge ab und schlägt drei passende Techniken vor.

Häufige Fragen

Was sind die vier Regeln des Brainstormings?

Alex Osborn formulierte 1953 vier Regeln. Erstens keine Kritik während der Sammlung, zweitens verrückte Ideen sind willkommen, drittens Menge geht vor Güte, viertens Ideen anderer dürfen aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Fällt eine dieser Regeln weg, sinkt die Ausbeute messbar.

Wie lange sollte ein Brainstorming dauern?

Die reine Sammelphase dauert 15 bis 30 Minuten. Länger hält kaum eine Gruppe das Tempo durch. Rechnet man Einführung, Ordnen und Bewerten dazu, kommt man auf 45 bis 60 Minuten für den gesamten Termin.

Wie viele Teilnehmer sind ideal?

Fünf bis zwölf. Unter fünf fehlt die Vielfalt der Blickwinkel, über zwölf kommen nicht mehr alle zu Wort und die Runde zerfällt in Nebengespräche. Bei größeren Gruppen teilt man auf oder wechselt zum World Café.

Warum funktioniert Brainstorming oft nicht?

Drei Gründe dominieren. Es wird zu früh bewertet, wenige Personen reden die ganze Zeit, und die Fragestellung ist zu vage. Studien zeigen zudem, dass Einzelpersonen, die getrennt arbeiten und ihre Ergebnisse anschließend zusammenlegen, oft mehr Ideen produzieren als dieselben Personen in der Gruppe. Wer das ausgleichen will, beginnt mit einer stillen Einzelphase.

Was ist der Unterschied zwischen Brainstorming und Brainwriting?

Beim Brainstorming wird gesprochen, beim Brainwriting geschrieben. Brainwriting schützt Ideen vor lauten Stimmen und bringt zurückhaltende Teilnehmer besser ins Spiel, verliert dafür die Dynamik des gemeinsamen Aufeinander-Aufbauens.

Quellen & weiterführende Links

Themenbereich: Kreativitätstechniken

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