Kreativitätstechnik

Brainstorming: Ablauf, Regeln und Beispiele

Die bekannteste Kreativitätstechnik und die am häufigsten falsch durchgeführte. Woran es meist liegt und wie es besser geht.

Veröffentlicht am 12.03.2014 Aktualisiert am 13.10.2026

Flipchart voller Haftnotizen, eine Hand klebt eine weitere dazu: die Sammelphase im Brainstorming

Brainstorming liefert viele Ideen in kurzer Zeit, aber nur mit vier Regeln: keine Kritik, Verrücktes willkommen, Menge vor Güte, Aufgreifen erlaubt. „Wir machen mal ein Brainstorming“ heißt in vielen Besprechungen schlicht, dass jetzt eine Weile ohne Tagesordnung geredet wird. Mit einer Kreativitätstechnik hat das wenig zu tun.

Der Werbefachmann Alex F. Osborn entwickelte die Methode ab 1939 in seiner Agentur und machte sie 1953 mit dem Buch Applied Imagination bekannt. Die Regeln sind kurz genug, um sie auswendig zu können. Fehlt eine davon, sinkt der Ertrag spürbar.

Die vier Regeln

RegelWas sie bedeutetWarum sie wichtig ist
Keine KritikWährend der Sammlung wird nichts bewertet, weder positiv noch negativBewertung bremst die Menge. Auch „gute Idee!“ wirkt, weil es einen Maßstab setzt
Verrücktes willkommenUnrealistische Beiträge sind ausdrücklich erwünschtAus einer absurden Idee wird oft durch Abwandlung eine brauchbare
Menge vor GüteZiel ist die Zahl, nicht die QualitätDie brauchbaren Ideen kommen erfahrungsgemäß in der zweiten Hälfte
Aufgreifen erlaubtIdeen anderer dürfen übernommen und weitergedacht werdenDer eigentliche Gruppenvorteil, denn niemand besitzt eine Idee

So steht es auch in den Arbeitsblättern der Hochschulen, etwa im Methodenblatt des KIT: Jede Idee ist zulässig, Kritik und Kommentare sind verboten, Quantität geht vor Qualität. Die Regel wird vor jeder Runde einmal laut gesagt, auch wenn alle sie kennen.

Die erste Regel ist die wichtigste und die am schwersten durchzuhaltende. Sie meint mehr als ausgesprochene Kritik. Sie meint auch Gesichtsausdrücke und das kleine „Hmm, das hatten wir schon“. Genau deshalb braucht eine Runde ab fünf Personen jemanden, der moderiert. Was diese Rolle umfasst und welche Fehler darin stecken, beschreibt der Beitrag zur Workshop-Moderation.

Ablauf in fünf Phasen

Brainstorming in fünf Phasen: Aufgabe vorstellen, stille Einzelphase, Sammeln, Ordnen, Bewerten Die fünf Phasen mit Zeitangaben: Bewertet wird erst ganz am Ende.

1. Aufgabe vorstellen, 5 bis 10 Minuten

Die Frage wird formuliert und für alle sichtbar aufgeschrieben. Randthemen, die vorher schon ausgeschlossen wurden, werden benannt, sonst kommen sie zwangsläufig wieder.

Eine brauchbare Frage ist konkret, aber nicht lösungsnah.

zu weitzu engpassend
Wie werden wir besser?Soll der Newsletter dienstags oder donnerstags kommen?Wie erreichen wir, dass unser Newsletter regelmäßig gelesen wird?
Wie sparen wir Kosten?Streichen wir das Sommerfest?An welchen Stellen entstehen bei uns Kosten, die niemandem nützen?

2. Stille Einzelphase, 5 Minuten

Dieser Schritt steht in kaum einer Anleitung und ist trotzdem der wirksamste. Jeder notiert zunächst allein seine ersten Gedanken. Das kostet fünf Minuten und verhindert, dass die erste laut ausgesprochene Idee die Richtung für alle vorgibt.

3. Sammeln, 15 bis 30 Minuten

Jetzt wird laut gesammelt. Alles wird notiert, sichtbar für alle. Die Moderation schreibt mit, wertet nicht und greift nur ein, wenn jemand bewertet oder wenn eine Person zu lange spricht.

Wenn die Runde nach zehn Minuten erlahmt, und das tut sie fast immer, ist das kein Grund abzubrechen. Genau hier hilft ein Impuls von außen. Werfen Sie ein Reizwort ein, das der Reizwort-Generator per Klick liefert. Oder drehen Sie die Frage um und fragen, wie man garantiert das Gegenteil erreicht, wie es die Kopfstandmethode vorsieht. Auch eine vorgegebene Perspektive wirkt, etwa die Frage, wie ein Zwölfjähriger das lösen würde.

4. Ordnen, 10 bis 15 Minuten

Dopplungen zusammenfassen, Ähnliches gruppieren, unklare Beiträge vom Urheber erklären lassen. Erst jetzt darf gefragt werden, bewertet aber immer noch nicht.

5. Bewerten, 10 bis 15 Minuten

Ein einfaches Punkteverfahren reicht. Jeder erhält drei Klebepunkte und darf sie frei verteilen, auch mehrere auf dieselbe Idee. Wie viele Punkte je Person sinnvoll sind, steht im Beitrag über Haftnotizen und Klebepunkte. Die fünf bestbewerteten Ideen kommen in die Nachbereitung. Wer aus 40 Karten in drei Stufen auswählen will, findet den Weg dazu unter Ideen bewerten und auswählen.

Wer gründlicher bewerten will, nutzt die 6-Hüte-Methode. Sie sorgt dafür, dass Begeisterung und Bedenken getrennt zur Sprache kommen.

Die Nachbereitung entscheidet

Ein Brainstorming ohne Nachbereitung ist ein netter Nachmittag. Damit daraus etwas wird, braucht es drei Festlegungen, bevor die Runde auseinandergeht. Wer kümmert sich um welche Idee, bis wann liegt ein nächster Zwischenstand vor, und wann trifft sich die Runde wieder. Der letzte Punkt braucht einen Termin und kein „demnächst“.

Ohne diese drei Festlegungen verschwinden die Ergebnisse in einer Fotodatei vom Flipchart.

Beispiel aus der Praxis

Eine Schreinerei fragte, womit sich die Werkstatt auslasten lässt, wenn Möbelaufträge zurückgehen.

In der Rohsammlung standen unter anderem Kunst, Galerie und Ausstellungsstücke, Zusammenarbeit mit Bildhauern, Reparatur alter Möbel, Restaurierung, Schnitzarbeiten, Spielzeug aus Restholz, Kartenspiele mit Holzelementen, Messestände, Ladeneinrichtung, Sonderanfertigungen für Sammler, Kurse für Laien, Workshops am Wochenende, Holz-Abos für Bastler, Verkauf von Restholz und die Vermietung der Werkstatt außerhalb der Arbeitszeit.

Gruppiert ergab sich dieses Bild.

GruppeIdeen darausErste Einschätzung
Dienstleistung statt ProduktReparatur, Restaurierung, Sonderanfertigungvorhandene Fähigkeiten, kein Materialrisiko
Wissen verkaufenKurse, Workshops, Vermietungneue Zielgruppe, braucht Organisation
Reste verwertenSpielzeug, Bastelpakete, Restholzverkaufgeringer Einsatz, kleiner Ertrag
Kunstnahe KooperationenGalerie, Bildhauer, Ausstellunghohes Profil, unsichere Nachfrage

Die Punktevergabe entschied für Wochenendkurse und Restaurierung. Beides wurde in den folgenden Monaten getestet, und die Kurse liefen besser als erwartet, weil sie die Werkstatt genau dann füllten, wenn sie sonst leer stand.

Bemerkenswert daran ist die Position. „Kurse für Laien“ stand in der Rohsammlung an vierzehnter Stelle. In den ersten fünf Minuten wäre die Idee nie gefallen.

Warum Brainstorming oft weniger bringt als erhofft

Es gibt eine unbequeme Forschungslage. Michael Diehl und Wolfgang Stroebe von der Universität Tübingen verglichen 1987 in vier Experimenten echte Gruppen mit Einzelpersonen, deren Ideen man hinterher zusammenlegt. Die Einzelpersonen lieferten mehr, und als Hauptursache fanden die beiden die Produktionsblockierung: sie erklärte den größten Teil des Verlusts.

Blockierung heißt: Es kann immer nur einer sprechen, und während man wartet, vergisst man die eigene Idee oder hält sie für erledigt. Dazu kommen zwei kleinere Effekte. Auch ohne ausgesprochene Kritik hält man Beiträge zurück, die dumm wirken könnten. Und in der Gruppe strengt sich der Einzelne weniger an, weil sein Beitrag weniger sichtbar ist.

Das ist kein Grund, Brainstorming abzuschaffen, aber ein sehr guter Grund für die stille Einzelphase am Anfang. Wer ganz sichergehen will, nutzt gleich Brainwriting oder die 635-Methode. Beide bewahren den Gruppenvorteil und umgehen die Blockierung.

Die häufigsten Fehler

Der Chef spricht zuerst. Danach bewegt sich die Runde in dessen Richtung. Wenn eine Führungskraft dabei ist, sollte sie zuletzt beitragen oder gar nicht.

Zu früh bewertet. Der Klassiker. Ein einziges „Das geht bei uns nicht“ reicht, um den Rest der Runde vorsichtig zu machen. Welche Sätze das sind und wie die Moderation darauf antwortet, steht im Beitrag über Kreativitätskiller.

Zu viele Teilnehmer. Über zwölf Personen kommt niemand mehr zu Wort. Teilen Sie auf und legen Sie die Ergebnisse zusammen.

Nichts wird aufgeschrieben. Was nicht an der Wand steht, kann niemand aufgreifen, und Regel vier fällt aus.

Haftnotizen in drei Farben auf einem Flipchartbogen, eine Hand klebt eine weitere an: Was an der Wand hängt, kann jeder aufgreifen Haftnotizen am Flipchart, eine weitere kommt dazu.

Kein Ende der Sammelphase. Ohne Zeitvorgabe gleitet die Runde in die Diskussion. Ein Timer hilft mehr, als man erwartet.

Wann eine andere Methode besser ist

SituationBessere Wahl
Die Gruppe ist zurückhaltendBrainwriting
Es soll schnell gehen und jeder liefern635-Methode
Die Runde dreht sich im KreisReizwortanalyse oder Kopfstandmethode
Ein Produkt soll verbessert werdenSCAMPER
Es soll nichts übersehen werdenMorphologischer Kasten
Mehr als 20 PersonenWorld Café

Wenn Sie unsicher sind, fragt der Methodenfinder fünf Dinge ab und schlägt drei passende Techniken vor.

Zum Weiterlesen

Alex F. Osborn hat die Methode in Applied Imagination beschrieben. Das Buch ist auf Englisch und liest sich bis heute als Anleitung aus der Agenturpraxis, mit vielen Beispielen und ohne Theorie. Wer die vier Regeln im Original nachlesen will, findet sie dort im Kapitel über die Gruppensitzung.

Häufige Fragen

Funktioniert Brainstorming auch allein?

Ja, und die Ausbeute ist oft höher als in der Gruppe, weil niemand wartet und niemand sich zurückhält. Was fehlt, ist das Aufgreifen fremder Gedanken. Wer allein arbeitet, ersetzt es durch einen Impuls von außen, etwa ein Reizwort oder eine umgedrehte Frage, und bewertet erst am nächsten Tag.

Wie lange sollte ein Brainstorming dauern?

Die reine Sammelphase dauert 15 bis 30 Minuten. Länger hält kaum eine Gruppe das Tempo durch. Mit Einführung, Ordnen und Bewerten kommt man auf 45 bis 60 Minuten für den gesamten Termin, und die Bewertung gehört in denselben Termin.

Wie viele Teilnehmer sind ideal?

Fünf bis zwölf. Unter fünf fehlt die Vielfalt der Blickwinkel, über zwölf kommen nicht mehr alle zu Wort und die Runde zerfällt in Nebengespräche. Bei größeren Gruppen teilt man auf oder wechselt zum World Café.

Geht Brainstorming auch per Videokonferenz?

Ja, mit zwei Anpassungen. Die stille Einzelphase läuft im Chat oder auf einem digitalen Whiteboard, damit alle gleichzeitig schreiben können. Und die Moderation ruft die Teilnehmer der Reihe nach auf, weil sonst immer dieselben sprechen. Der Vorteil: Was getippt wird, ist schon protokolliert.

Was ist der Unterschied zwischen Brainstorming und Brainwriting?

Beim Brainstorming wird gesprochen, beim Brainwriting geschrieben. Brainwriting schützt Ideen vor lauten Stimmen und bringt zurückhaltende Teilnehmer besser ins Spiel, verliert dafür die Dynamik des gemeinsamen Aufeinander-Aufbauens.

Quellen & weiterführende Links

Themenbereich: Kreativitätstechniken

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