Kreativitätstechnik
Brainwriting: still zum Erfolg
Die stille Variante des Brainstormings. Jeder schreibt zuerst für sich, was Ideen vor lauten Stimmen schützt und Zurückhaltende ins Spiel bringt.
Brainwriting ist das Brainstorming ohne Reden. Statt Beiträge in die Runde zu rufen, schreibt jeder zunächst für sich, und erst danach wird gemeinsam weitergearbeitet.
Was nach einer Kleinigkeit klingt, ändert das Ergebnis erheblich. Drei Effekte, die jede Gesprächsrunde bremsen, fallen weg.
Niemand muss warten. In einer Diskussion kann immer nur einer sprechen. Wer wartet, hält seine Idee im Kopf fest und hört deshalb kaum zu. Psychologen nennen das Produktionsblockierung, und sie ist der Hauptgrund, warum Gruppen oft weniger Ideen hervorbringen als dieselben Menschen einzeln.
Niemand exponiert sich. Eine ungewöhnliche Idee laut auszusprechen kostet Überwindung. Sie aufzuschreiben nicht.
Alle liefern gleich viel. In jeder Gesprächsrunde bestimmen zwei bis drei Personen den Verlauf. Auf Papier ist die Verteilung gleichmäßig.
Ablauf
Die Aufgabe wird in etwa fünf Minuten formuliert, klar und für alle sichtbar aufgeschrieben. Rückfragen werden jetzt geklärt.
Danach schreibt jeder fünf bis zwölf Minuten still für sich. Stichworte genügen, Aufsätze sind nicht gefragt. Wer mit Karten arbeitet, notiert einen Gedanken pro Karte.
Anschließend wandern entweder die Blätter weiter, oder alle Karten kommen an eine Wand. In der Weiterentwicklungsphase, fünf bis zehn Minuten, lesen alle die Beiträge der anderen und ergänzen, was ihnen dazu einfällt. Auch das geschieht noch schriftlich.
Erst danach wird gesprochen. In etwa zehn Minuten werden Dopplungen zusammengefasst, unklare Karten vom Urheber erklärt und alles gruppiert. Weitere zehn Minuten später sind die Punkte verteilt und die drei bis fünf stärksten Ideen ausgewählt.
Bis zur Ordnungsphase gilt eine einzige Regel. Es wird geschrieben und nicht gesprochen. Sie muss einmal deutlich gesagt werden, danach hält sie sich von allein.
Vier Varianten
| Variante | Ablauf | Geeignet für |
|---|---|---|
| 635-Methode | 6 Personen, 3 Ideen, 5 Minuten, Blätter rotieren | feste Runden, wenn viel in kurzer Zeit gebraucht wird |
| Kartenabfrage | jeder schreibt Ideen auf Karten, alle Karten werden gemeinsam geclustert | gemischte Gruppen, große Themen |
| Ideenwand | Karten hängen über Stunden oder Tage aus, jeder ergänzt, wann er möchte | verteilte Teams, Themen ohne Termindruck |
| Collective Notebook | jeder führt über zwei bis vier Wochen ein Ideenheft, danach gemeinsame Auswertung | Fragen, die Reifezeit brauchen |
Die Kartenabfrage ist in der Praxis die häufigste. Sie ist schnell, braucht kaum Vorbereitung und liefert ein direkt weiterverwendbares Ergebnis an der Pinnwand.
Das Collective Notebook ist die am meisten unterschätzte Variante. Ideen entstehen selten auf Kommando, und in einem Heft über drei Wochen sammelt sich Material, das in keiner Sitzung entstehen würde.
Was auf die Karten gehört
Ein Gedanke pro Karte. Zwei Ideen auf einer Karte lassen sich später nicht getrennt gruppieren. Drei bis sieben Wörter reichen, genug um verständlich zu sein und wenig genug, um schnell erfassbar zu bleiben. Geschrieben wird in Druckbuchstaben, denn was niemand entziffert, geht verloren.
Ein letzter Hinweis zur Formulierung. Substantive schlagen Verben. „Rückrufservice abends“ ist besser als „wir sollten abends zurückrufen“, weil es kürzer ist und sich leichter sortieren lässt.
Beispiel aus der Praxis
Ein Unternehmen fragte, warum es Kunden nach dem ersten Auftrag verliert. In der stillen Phase schrieben sieben Teilnehmer acht Minuten lang und produzierten 41 Karten. Nach dem Gruppieren blieben fünf Bündel.
| Bündel | Karten | Auffälligkeit |
|---|---|---|
| Erreichbarkeit | 12 | mit Abstand größtes Bündel |
| Preis und Angebot | 9 | fast alle vom Vertrieb |
| Qualität der Leistung | 7 | quer durch alle Bereiche |
| Nachbetreuung | 8 | überwiegend vom Service |
| Sonstiges | 5 | ohne Muster |
Interessant war weniger das Ergebnis als seine Verteilung. Die Karten zum Thema Preis kamen fast ausschließlich aus dem Vertrieb, die zur Nachbetreuung aus dem Service. Jede Abteilung sah zuerst das eigene Feld.
In einer Gesprächsrunde wäre das nicht sichtbar geworden. Dort hätte die Gruppe eine gemeinsame Erzählung entwickelt. Auf Karten bleibt sichtbar, wer was gesehen hat.
Wann Brainwriting die bessere Wahl ist
Immer dann, wenn Hierarchieunterschiede in der Runde bestehen. Wer schreibt, muss nicht warten, bis der Chef fertig ist. Ebenso bei heiklen Themen, denn Kritik am eigenen Bereich schreibt sich leichter, als sie sich sagt.
Auch gemischte Gruppen profitieren, also Runden mit erfahrenen und neuen Mitarbeitern, mit lauten und stillen Menschen. Und wenn eine Gesprächsrunde bereits gescheitert ist, lohnt der zweite Anlauf. Dasselbe Thema noch einmal, aber schriftlich, bringt oft überraschend andere Ergebnisse.
Grenzen
Brainwriting verliert die Dynamik des Gesprächs. Beim Brainstorming zündet ein Beitrag den nächsten, und aus dem Hin und Her entsteht manchmal etwas, das keiner allein gedacht hätte. Das fehlt hier weitgehend, und die Weiterentwicklungsphase gleicht es nur teilweise aus.
Außerdem braucht die Auswertung mehr Zeit. Vierzig Karten wollen gelesen, geordnet und teils erklärt werden. Wer nur eine halbe Stunde hat, sollte die Sammelphase kürzen und nicht die Auswertung.
Wer beides will, die Ruhe des Schreibens und die Dynamik des Gesprächs, kombiniert einfach. Erst fünf Minuten still schreiben, dann laut sammeln. Das ist die Variante, die in der Praxis am zuverlässigsten funktioniert, und sie steht deshalb auch im Ablauf des Brainstormings als eigener Schritt.
Zur Auswertung eignet sich Mindmapping, um die geclusterten Karten in eine Struktur zu bringen, und die 6-Hüte-Methode für die anschließende Bewertung.
Häufige Fragen
Was ist Brainwriting?
Brainwriting ist der Oberbegriff für alle Ideenfindungsverfahren, bei denen geschrieben statt gesprochen wird. Jeder Teilnehmer notiert seine Ideen zunächst allein, anschließend werden die Blätter getauscht, weitergereicht oder gemeinsam ausgewertet.
Was ist der Unterschied zum Brainstorming?
Beim Brainstorming wird laut gesammelt, beim Brainwriting schriftlich. Dadurch entfällt das Warten aufs Wort, niemand vergisst seine Idee während der Beiträge anderer, und zurückhaltende Teilnehmer liefern genauso viel wie laute. Verloren geht dafür ein Stück Dynamik.
Ist Brainwriting wirklich besser als Brainstorming?
In der Zahl der Ideen meist ja. Untersuchungen zur Gruppenleistung zeigen, dass in Gesprächsrunden Ideen verloren gehen, weil immer nur einer sprechen kann. Psychologen nennen das Produktionsblockierung, und schriftliche Verfahren umgehen sie. Ob die Ideen auch besser sind, hängt stärker von der Fragestellung ab als von der Methode.
Welche Varianten des Brainwritings gibt es?
Die bekannteste ist die 635-Methode mit festem Schema. Daneben gibt es die Kartenabfrage, bei der jeder Ideen auf Karten schreibt, die anschließend gemeinsam geclustert werden. Bei der Ideenwand ergänzen Teilnehmer frei Karten, und beim Collective Notebook wird über Tage hinweg gesammelt.
Braucht Brainwriting eine Moderation?
Weniger als Brainstorming. Es genügt jemand, der die Zeit im Blick hat und die Auswertung führt. Weil nicht gesprochen wird, gibt es keine Wortführer, die gebremst werden müssten, und der klassische Moderationsaufwand entfällt weitgehend.
Quellen & weiterführende Links
Themenbereich: Kreativitätstechniken
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