Kreativitätstechnik
World Café
Wechselnde Tischrunden statt Podium. Ein Format, mit dem auch 100 Menschen ein echtes Gespräch führen und am Ende ein gemeinsames Bild entsteht.
Ab etwa fünfzehn Personen bricht jede Diskussionsrunde auseinander. Drei oder vier Leute reden, der Rest hört zu und schweigt. Wer die Beteiligung retten will, greift meist zu Kleingruppen und steht dann vor dem nächsten Problem. Die Gruppen arbeiten nebeneinanderher, und am Ende trägt jede vor, was die anderen schon vergessen haben, bevor die dritte Präsentation vorbei ist.
Das World Café löst beides. Die Gespräche finden in kleinen Runden statt, aber die Runden werden ständig neu gemischt. Nach drei Wechseln hat jeder mit einem Großteil der Anwesenden gesprochen, und die Gedanken haben sich vermischt, statt sich in Gruppen einzuschließen.
Der Grundgedanke
Das Format geht auf Juanita Brown und David Isaacs zurück, die es 1995 eher zufällig entwickelten. Ein geplantes Treffen fiel wegen Regens ins Wasser, die Gruppe zog sich an Kaffeetische im Haus zurück, und das Gespräch wurde besser als jede geplante Sitzung. Aus dieser Beobachtung entstand ein Format.
Die Idee dahinter ist unspektakulär. Menschen reden anders, wenn sie zu viert an einem Tisch sitzen, als wenn sie in einer Reihe sitzen und einer vorn steht. Die Café-Situation senkt die Schwelle. Man unterbricht, man fragt nach, man denkt laut.
Ablauf
| Phase | Dauer | Was passiert |
|---|---|---|
| Ankommen | 15 Min | Getränke, freie Platzwahl, kein Programmpunkt |
| Einführung | 10 Min | Frage vorstellen, Regeln erklären, Gastgeber benennen |
| Runde 1 | 20 bis 25 Min | erstes Gespräch, alle notieren auf der Tischdecke |
| Wechsel | 5 Min | alle außer dem Gastgeber suchen sich einen neuen Tisch |
| Runde 2 | 20 bis 25 Min | Gastgeber fasst zusammen, neue Gruppe knüpft an |
| Wechsel | 5 Min | erneutes Durchmischen |
| Runde 3 | 20 bis 25 Min | Verdichtung, oft mit zugespitzter Frage |
| Auswertung | 25 Min | Sammlung im Plenum, Tischdecken werden ausgelegt |
Zusammen sind das gut zweieinhalb Stunden. Kürzer geht es nur mit zwei Runden, und dann fehlt genau der Effekt, um den es geht.
Die Wechsel
Beim Wechsel gilt eine Regel. Niemand zieht in derselben Konstellation weiter. Ohne diesen Hinweis wandern befreundete Paare gemeinsam von Tisch zu Tisch, und die Durchmischung fällt aus. Ein einfacher Trick hilft. Farbige Punkte auf die Namensschilder, und pro Runde darf an jedem Tisch nur eine Farbe zweimal vertreten sein.
Die Tischdecke
Papiertischdecken und dicke Stifte sind kein Deko-Element. Sie erfüllen zwei Funktionen. Sie senken die Hemmschwelle beim Notieren, und sie halten die Gedanken der vorigen Runde fest. Wer neu an den Tisch kommt, sieht Stichworte, Skizzen und Verbindungslinien und dockt daran an, statt bei null anzufangen.
Die Frage entscheidet über alles
Der häufigste Fehler ist eine schlechte Ausgangsfrage. Brauchbare Fragen sind offen, persönlich zugänglich und ohne Vorwissen beantwortbar.
| Schlechte Frage | Warum sie nicht funktioniert | Bessere Frage |
|---|---|---|
| „Wie erhöhen wir die Effizienz um 15 Prozent?“ | zu eng, verlangt Fachwissen | „Woran merken Sie im Alltag, dass etwas hakt?“ |
| „Was halten Sie von der neuen Strategie?“ | Ja-Nein-Falle, lädt zur Bewertung ein | „Was müsste passieren, damit die Strategie bei Ihnen ankommt?“ |
| „Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?“ | fordert fertige Lösungen | „Was wäre Ihr erster Schritt, wenn Sie entscheiden dürften?“ |
Bei drei Runden bewährt sich eine Steigerung. Die erste Runde bleibt breit und persönlich, die zweite vertieft, die dritte spitzt auf Handlung zu.
Raum und Aufbau
Rechnen Sie mit Tischen für vier bis fünf Personen. Sechs sind zu viel, dann bilden sich Zweiergespräche. Runde Tische sind besser als rechteckige, denn an einem rechteckigen Tisch entsteht automatisch ein Kopfende.
Planen Sie großzügig Abstand ein. Der Geräuschpegel ist hoch, und in einem zu kleinen Raum verstehen die Leute einander nicht mehr und ermüden schnell. Die Getränke gehören auf den Tisch, weil jeder, der aufsteht, das Gespräch unterbricht. Und für die Auswertung brauchen Sie eine freie Wand, an der die Tischdecken am Ende hängen können.
Die Auswertung
Sie ist der schwächste Teil vieler World Cafés. Nach zweieinhalb Stunden ist die Energie hoch, aber die Konzentration niedrig. Lange Ergebnisvorträge zerstören genau die Stimmung, die das Format erzeugt hat.
Vier Schritte funktionieren zuverlässig.
- Stille Runde. Alle gehen an den Tischdecken vorbei und lesen, fünf Minuten, ohne zu reden.
- Punkten. Jeder klebt drei Punkte auf das, was ihn am meisten beschäftigt.
- Kurzsammlung. Die Moderation greift die am stärksten gepunkteten Stellen auf und lässt jeweils zwei, drei Wortmeldungen zu.
- Verbindlichkeit. Wer nimmt was mit, und wann hört die Gruppe wieder davon?
Ohne den vierten Schritt bleibt das World Café ein netter Nachmittag.
Stärken und Grenzen
Das Format erzeugt Beteiligung, wo sonst Zuhören herrscht. Es funktioniert mit 20 Personen genauso wie mit 150, braucht wenig Material und leistet nebenbei etwas, das kein Vortrag schafft. Die Teilnehmer lernen einander kennen.
Entscheidungen produziert es allerdings nicht. Wer ein Votum braucht, muss ein anderes Format anschließen. Der Raumbedarf ist hoch, der Geräuschpegel ebenfalls, und die Auswertung ist anspruchsvoll. Bei verhärteten Konflikten reichen Runden von zwanzig Minuten nicht aus.
Verwandte Formate
Für die anschließende Bewertung eignet sich die 6-Hüte-Methode, weil sie die Perspektiven ordnet, die im Café durcheinandergeraten sind. Wenn aus den Gesprächen konkrete Konzepte werden sollen, ist der Innovationsworkshop der nächste Schritt. Und wenn Sie statt Austausch schnell viele Ideen brauchen, arbeitet die 635-Methode deutlich effizienter, dafür ohne den Beteiligungseffekt.
Häufige Fragen
Was ist ein World Café?
Das World Café ist ein Workshop-Format für große Gruppen. Die Teilnehmer sitzen an Cafétischen zu viert oder fünft und besprechen eine Frage. Nach 20 bis 25 Minuten wechseln alle bis auf den Gastgeber an einen anderen Tisch. So werden Gedanken durchmischt, und am Ende hat jeder mit vielen anderen gesprochen.
Wie viele Runden braucht ein World Café?
Drei Runden sind der Standard. Zwei sind zu wenig, weil die Durchmischung erst ab der dritten Runde spürbar wird. Ab vier Runden lässt die Aufmerksamkeit merklich nach. Bei drei Runden zu je 20 Minuten plus Wechselzeiten und Auswertung landet man bei rund zwei Stunden.
Welche Rolle hat der Gastgeber am Tisch?
Der Gastgeber bleibt während aller Runden am selben Tisch. Er begrüßt die neue Gruppe, fasst in zwei Minuten zusammen, was bisher besprochen wurde, und achtet darauf, dass alle zu Wort kommen. Er moderiert nicht inhaltlich und bewertet nicht.
Warum wird auf die Tischdecke geschrieben?
Papiertischdecken senken die Hemmschwelle. Auf ein Flipchart schreibt man erst, wenn man sich sicher ist, auf eine Tischdecke kritzelt man nebenbei. Außerdem bleibt das Geschriebene liegen, wenn die Gruppe wechselt. Die neue Runde findet die Gedanken der vorigen vor und kann daran anknüpfen.
Für welche Themen eignet sich das World Café nicht?
Für Entscheidungen. Das Format erzeugt Verständnis und ein breites Meinungsbild, aber kein Votum. Auch bei Themen mit stark verhärteten Fronten stößt es an Grenzen, weil die kurzen Runden für echte Konfliktbearbeitung nicht reichen.
Quellen & weiterführende Links
Themenbereich: Kreativitätstechniken
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