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Kreativitätsförderung: kreativ kann jeder sein
Kreativität ist kein Talent, das man hat oder nicht hat, sondern eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt.
„Ich bin einfach nicht kreativ“ ist einer der hartnäckigsten Sätze überhaupt. Er beruht meistens auf einem zu engen Begriff von Kreativität.
Kreativ ist nicht nur, wer Bilder malt oder Romane schreibt. Kreativ ist auch, wer ein Gericht ohne Rezept würzt, wer eine Reiseroute so legt, dass sie an drei Orten gleichzeitig funktioniert, oder wer im Betrieb einen Ablauf so umbaut, dass er ohne den ständigen Zwischenschritt auskommt.
Kreativität heißt Bekanntes neu verknüpfen. Wer das so versteht, merkt schnell, dass er es täglich tut.
Was Kreativität tatsächlich fördert
1. Material sammeln
Ideen entstehen aus Verknüpfung, und verknüpfen kann man nur, was da ist. Wer über Jahre nur mit demselben Fachgebiet zu tun hat, hat wenig Material zum Kombinieren.
Deshalb wirkt es, sich Fremdes zuzumuten. Eine andere Branche, ein anderes Land, ein Fachbuch aus einem Gebiet, mit dem man nichts zu tun hat. Nicht um es zu beherrschen, sondern um Bilder und Begriffe zur Verfügung zu haben. Mehr dazu steht unter Neue Ideen durch Inspiration.
2. Bewertung aufschieben
Das ist der wirksamste Hebel überhaupt. Sobald ein Einfall beurteilt wird, entsteht ein Maßstab, und der nächste Einfall muss sich daran messen. Genau deshalb trennen praktisch alle Kreativitätstechniken das Sammeln vom Bewerten. Die vier Regeln des Brainstormings sind im Kern nichts anderes als dieser eine Grundsatz.
Das gilt auch für sich selbst. Wer beim Notieren schon streicht, sammelt nicht.
3. Langeweile aushalten
Ideen kommen selten unter Anspannung. Sie kommen beim Spazierengehen, beim Duschen, beim Warten, also in Momenten ohne Aufgabe. Wer jede freie Minute füllt, nimmt sich genau diese Momente.
Das ist kein Aufruf zum Nichtstun, sondern ein sehr praktischer Hinweis. Ein Problem, das man kennt und dann für eine Stunde loslässt, wird im Hintergrund weiterbearbeitet. Ein Problem, das man kennt und ununterbrochen bearbeitet, nicht.
4. Methode statt Warten
Der Unterschied zwischen kreativen und unkreativen Menschen ist im Berufsalltag oft schlicht der, dass die einen ein Verfahren haben und die anderen auf den Einfall warten. Die Techniken auf dieser Seite sind genau dafür da. Sie ersetzen das Warten durch ein Vorgehen. Wer unsicher ist, welche passt, kommt über den Methodenfinder in fünf Fragen zu einem Vorschlag.
5. Fehler zulassen
Die meisten Ideen taugen nichts. Das ist keine Schwäche des Verfahrens, sondern seine Funktionsweise. Man braucht die dreißig unbrauchbaren, um zu den zwei brauchbaren zu kommen. Wer nur äußert, was sicher gut ist, äußert fast nichts.
6. Einschränkungen setzen
Klingt widersprüchlich und ist in der Praxis gut belegt. Ein leeres Blatt lähmt, eine enge Vorgabe befreit. „Entwirf irgendetwas“ ist schwerer als „entwirf etwas, das nur aus drei Teilen besteht, unter zehn Euro kostet und ohne Werkzeug zusammenzubauen ist“.
Wer nicht weiterkommt, sollte deshalb Bedingungen hinzufügen und nicht wegnehmen.
7. Die Umgebung wechseln
Ein anderer Raum, ein anderer Stuhl, ein anderer Weg zur Arbeit. Der Kopf schaltet auf Wahrnehmung um, wenn die Umgebung nicht mehr vertraut ist. Deshalb finden Workshops selten im eigenen Besprechungsraum statt, und deshalb steht bei der Walt-Disney-Methode für jede Rolle ein anderer Platz bereit.
8. Mit den richtigen Leuten sprechen
Fachfremde Gesprächspartner sind wertvoller als Kollegen. Wer erklären muss, warum etwas so ist, wie es ist, bemerkt beim Erklären die Stellen, die er selbst nie hinterfragt hat. Die naive Rückfrage ist eine der besten Ideenquellen überhaupt.
9. Aufschreiben
Der unspektakulärste Punkt und der, an dem es am häufigsten scheitert. Ideen kommen ungelegen und verschwinden schnell. Ein Notizbuch, eine Notiz-App, ein Zettel in der Jackentasche, was auch immer. Es muss innerhalb von zehn Sekunden erreichbar sein.
Was Kreativität bremst
| Bremse | Warum sie wirkt | Was hilft |
|---|---|---|
| Frühe Bewertung | erzeugt einen Maßstab, an dem sich alles messen muss | Sammeln und Bewerten strikt trennen |
| Dauerhafter Zeitdruck | verhindert die Leerlaufphasen, in denen Ideen entstehen | feste Blöcke ohne Termine |
| Ständige Unterbrechung | jeder Neustart kostet Anlauf | Benachrichtigungen aus, Blöcke von 60 bis 90 Minuten |
| Immer dieselben Gesprächspartner | dieselben Annahmen werden bestätigt | fachfremde Menschen einbeziehen |
| Angst vor Blamage | hält die ungewöhnlichen Beiträge zurück | schriftliche Verfahren wie Brainwriting |
| Zu große Auswahl | lähmt, statt zu befreien | Bedingungen hinzufügen |
Bei Kindern
Hier gilt fast alles oben Gesagte, nur einfacher. Freiraum, Material, keine Bewertung.
Freiraum heißt auch, Langeweile nicht sofort zu beseitigen. Aus „mir ist langweilig“ wird nach zehn Minuten fast immer etwas.
Material heißt nicht teures Spielzeug. Kartons, Stoffreste, Naturmaterial, Klebeband. Je unfertiger, desto besser, denn ein fertiges Spielzeug hat seinen Zweck schon eingebaut, ein Karton nicht.
Keine Bewertung ist das Schwierigste. „Das ist aber schön geworden“ klingt freundlich und setzt trotzdem einen Maßstab. „Erzähl mir davon“ öffnet, statt zu beurteilen.
Dazu kommt der Zugang zu vielen Bereichen, also Musik, Natur, Technik, Bücher und Handwerk. Nicht als Förderprogramm, sondern als Angebot. Ausführlich steht das unter Kreativität bei Kindern.
Wer fördern will, muss selbst mitmachen
Ein Punkt geht leicht unter. Kreativitätsförderung funktioniert schlecht von oben herab. Wer im Workshop zur Offenheit auffordert und selbst jeden zweiten Beitrag kommentiert, erreicht das Gegenteil. Wer dem Kind Freiraum zugesteht und dann alle zehn Minuten fragt, was daraus wird, auch.
Die Haltung ist der eigentliche Beitrag. Bereit sein, das Ergebnis nicht zu kennen. Das ist unbequemer, als es klingt, und es ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas Unerwartetes entstehen kann.
Häufige Fragen
Kann man Kreativität lernen?
Die Fähigkeit, Bekanntes neu zu verknüpfen, lässt sich üben. Darin sind sich Forschung und Praxis weitgehend einig. Was sich weniger beeinflussen lässt, ist die Ausprägung, denn manche Menschen kommen leichter auf ungewöhnliche Verbindungen als andere. Das ändert nichts daran, dass jeder besser werden kann, als er heute ist.
Was bremst Kreativität am meisten?
Frühe Bewertung. Sobald ein Einfall beurteilt wird, auch positiv, entsteht ein Maßstab, an dem sich der nächste messen muss. Deshalb trennen fast alle Kreativitätstechniken das Sammeln streng vom Bewerten. Zeitdruck und ständige Unterbrechungen wirken in dieselbe Richtung.
Wie fördert man Kreativität bei Kindern?
Vor allem durch Freiraum und Material und durch das Aushalten von Langeweile. Kinder, die nicht durchgehend beschäftigt werden, entwickeln von allein Ideen. Wichtig ist außerdem, das Ergebnis nicht zu bewerten. „Erzähl mir davon“ bringt mehr als „das ist aber schön geworden“.
Hilft es, viel zu konsumieren, also Filme, Bücher, Musik?
Aufnehmen allein reicht nicht. Entscheidend ist, ob das Aufgenommene verarbeitet wird. Ein Film, über den man anschließend spricht oder schreibt, hinterlässt Material zum Verknüpfen. Ein Film, der nebenbei läuft, hinterlässt wenig. Diese Unterscheidung ist wichtiger als die Menge.
Wie lange dauert es, bis man Fortschritte merkt?
Bei Techniken zur Ideenfindung sofort, denn eine Reizwortanalyse funktioniert beim ersten Versuch. Bei der grundsätzlichen Beweglichkeit im Denken eher über Monate, und sie zeigt sich nicht als Gefühl, sondern daran, dass man in konkreten Situationen schneller auf Alternativen kommt.
Themenbereich: Ideen
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