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Neue Ideen durch Inspiration
Ideen entstehen selten aus dem Nichts. Wer gezielt Eindrücke sammelt, gibt dem Kopf Material zum Kombinieren.
„Ich warte auf Inspiration“ ist eine höfliche Umschreibung dafür, dass kein Verfahren vorhanden ist. Inspiration ist kein Zustand, der über einen kommt. Sie ist das Ergebnis von zwei sehr banalen Voraussetzungen, nämlich genug Material im Kopf und genug Ruhe, damit es sich verbinden kann.
Beides lässt sich herstellen. Dieser Beitrag beschreibt, wie.
Warum Material die entscheidende Größe ist
Eine neue Idee ist fast immer eine neue Verbindung zwischen Bekanntem. Der Klettverschluss entstand aus Kletten im Hundefell, der Barcode aus dem Morsealphabet, das Fließband aus der Zerlegung in Schlachthöfen. In keinem dieser Fälle war das Ergebnis in einem der Bestandteile enthalten. Es entstand aus der Verbindung.
Daraus folgt etwas Unbequemes. Wer über Jahre nur mit demselben Fachgebiet zu tun hat, hat wenig zu verbinden. Nicht weil er unbegabt wäre, sondern weil das Lager schmal ist.
Der Werbefachmann James Webb Young hat das bereits 1940 in fünf Schritten beschrieben, die bis heute tragen.
| Schritt | Was zu tun ist |
|---|---|
| 1. Rohmaterial sammeln | zum Thema und außerhalb davon |
| 2. Verarbeiten | die Teile gegeneinander halten, Verbindungen suchen |
| 3. Loslassen | das Problem aus der Hand legen |
| 4. Die Idee kommt | meist unerwartet, selten am Schreibtisch |
| 5. Ausarbeiten | die Idee prüfen, anpassen, brauchbar machen |
Schritt drei ist der, den fast alle überspringen. Schritt eins ist der, den fast alle zu eng auslegen.
Dasselbe Muster beschreibt das ältere Vier-Phasen-Modell von Graham Wallas aus dem Jahr 1926 mit Vorbereitung, Inkubation, Erleuchtung und Überprüfung. Beide Modelle sagen dasselbe. Der Einfall ist der kürzeste Teil des Vorgangs und der einzige, den man nicht direkt herbeiführen kann.
Sieben Quellen für Material
| Quelle | Was sie liefert | Aufwand |
|---|---|---|
| Fachfremdes Lesen | Begriffe und Bilder aus anderen Gebieten | gering, dauerhaft |
| Andere Branchen | erprobte Lösungen für strukturgleiche Probleme | mittel |
| Beschwerden und Rückfragen | Probleme in der Sprache der Betroffenen | gering |
| Systematische Konkurrenzbetrachtung | vor allem das, was dort niemand tut | mittel |
| Natur und Technik | Prinzipien, die sich übertragen lassen | mittel |
| Kunst, Museum, Handwerk | ungewohnte Formen und Lösungen | gering |
| Ortswechsel und Reisen | anderer Alltag, andere Selbstverständlichkeiten | hoch |
Fachfremdes Lesen
Die günstigste Quelle. Ein Fachbuch aus einem Gebiet, mit dem man beruflich nichts zu tun hat, also Schifffahrt, Botanik, Straßenbau oder Restaurierung. Nicht um es zu beherrschen, sondern um Begriffe und Bilder verfügbar zu haben.
Der Nutzen tritt verzögert ein und ist deshalb schwer zu messen. Er zeigt sich Monate später, wenn eine Formulierung aus dem fremden Gebiet plötzlich auf das eigene Problem passt.
Andere Branchen
Die ergiebigste Frage lautet: Wer hat mein Problem in einer ganz anderen Form schon gelöst?
Krankenhäuser haben sich bei der Übergabe im Operationssaal an den Boxenstopps der Formel 1 orientiert. Fluggesellschaften haben ihre Checklisten aus der Militärluftfahrt übernommen, und die Gastronomie hat ihre Bestellsysteme in die Werkstatt gebracht. In allen Fällen war das Problem strukturgleich, die Branche aber fremd, und genau deshalb war die Lösung neu.
Beschwerden und Rückfragen
Die am meisten unterschätzte Quelle, weil sie im Haus liegt. Wer regelmäßig liest, was Kunden fragen und bemängeln, bekommt Probleme in der Sprache der Betroffenen geliefert, ohne den Umweg über die eigene Fachsprache, in der sie oft schon wegdefiniert sind.
Praktisch heißt das eine Stunde im Monat, gesammelt, ohne sofortige Antwortpflicht. Nicht zur Beantwortung, sondern zum Lesen.
Konkurrenzbetrachtung, aber richtig
Die naheliegende Variante ist die unbrauchbarste. Nachsehen, was andere machen, und Ähnliches tun. Damit bleibt man dauerhaft einen Schritt zurück.
Ergiebig wird es mit drei anderen Fragen. Was macht dort niemand? Eine Lücke, die alle offen lassen, ist entweder unwirtschaftlich oder unentdeckt. Worin sind alle gleich? Wenn alle Anbieter dasselbe versprechen, ist genau dort Platz. Und wo ist der Ablauf für Kunden unangenehm? Werden Sie selbst Kunde und gehen Sie den ganzen Weg, also Website, Anruf, Kauf, Lieferung, Reklamation. Was dabei stört, stört auch bei den eigenen Abläufen. Man merkt es dort nur nicht mehr.
Das Nachahmen geschützter Merkmale ist rechtlich heikel und praktisch selten der große Wurf. Die Beobachtung selbst ist beides nicht.
Natur und Technik
Aus dem Prinzip „Struktur statt Material“ sind Leichtbauweisen entstanden, aus der Lotuspflanze schmutzabweisende Oberflächen, aus dem Haifischzahn Beschichtungen für Flugzeuge. Was diese Beispiele verbindet, ist nicht Naturverbundenheit, sondern ein Verfahren. Erst das Prinzip abstrahieren, dann übertragen.
Die Frage dazu lautet nie, was ähnlich aussieht, sondern welches Problem hier gelöst wird und wie.
Kunst, Museum, Handwerk
Eine Stunde in einer Werkstatt, einem Museum oder auf einem Markt liefert mehr ungewohnte Formen als ein Tag im Netz. Der Grund ist einfach. Die Reihenfolge stammt nicht von einem Algorithmus, der bereits weiß, was einem gefällt.
Ortswechsel
Am aufwendigsten und am wirksamsten. Nicht wegen der Ferne, sondern weil im fremden Alltag sichtbar wird, dass die eigenen Selbstverständlichkeiten Entscheidungen sind. Öffnungszeiten, Verpackungsgrößen, Wartesysteme, Bezahlwege.
Eindrücke so sammeln, dass sie brauchbar bleiben
Material, das nicht auffindbar ist, ist kein Material. Drei Regeln genügen.
Ein Ort. Nicht fünf Apps, ein Notizbuch und drei Lesezeichenordner. Ein Ort, in zehn Sekunden erreichbar.
Ein Satz zum Zusammenhang. Nicht nur der Link oder das Foto, sondern was daran interessant war. Ohne diesen Satz ist die Sammlung nach drei Monaten unbrauchbar, weil der Grund fehlt.
Regelmäßig durchgehen. Einmal im Monat zwanzig Minuten blättern, ohne Ziel. Das Wiederlesen ist der Vorgang, bei dem Verbindungen entstehen, nicht das Sammeln.
Die Pause gehört zum Verfahren
Der Schritt, den fast alle auslassen, ist der wichtigste. Lassen Sie das Problem absichtlich liegen, nachdem Sie sich intensiv damit befasst haben.
Wichtig ist die Reihenfolge. Eine Pause ohne vorherige Beschäftigung bringt nichts, weil das Material fehlt. Eine Beschäftigung ohne Pause bringt dieselbe Antwort wie beim ersten Durchgang.
Für die Pause selbst gibt es einen gut untersuchten Fall, das Gehen. Oppezzo und Schwartz zeigten an der Stanford University, dass Gehende in Aufgaben zum divergenten Denken deutlich mehr brauchbare Einfälle produzierten als Sitzende, auf dem Laufband vor einer weißen Wand ebenso wie im Freien. Der Effekt hielt kurz nach dem Gehen noch an. Landschaft war also nicht die Ursache, die Bewegung war es.
Praktisch heißt das, das Problem nicht mit auf den Spaziergang zu nehmen und weiterzudenken. Vorher gründlich damit befassen, dann losgehen und es loslassen.
Wenn es schneller gehen muss
Manchmal ist keine Zeit für Inkubation. Dann helfen Verfahren, die die Verbindung erzwingen.
Die Reizwortanalyse arbeitet mit einem zufälligen Begriff, der nichts mit dem Thema zu tun hat, und der Frage, was er mit dem Problem zu tun haben könnte. Der Reizwort-Generator liefert ihn per Klick. SCAMPER stellt sieben feste Fragen an etwas Bestehendes, nämlich ersetzen, kombinieren, anpassen, verändern, anders verwenden, weglassen und umkehren. Der morphologische Kasten legt Merkmale in Zeilen und Ausprägungen in Spalten und geht ungewohnte Kombinationen durch. Und die Kopfstandmethode dreht die Frage um, wenn gar nichts mehr kommt.
Welche davon zur eigenen Situation passt, klärt der Methodenfinder in fünf Fragen.
Eine Übung für dreißig Minuten
Wenn Sie gerade an einem Problem festhängen, hilft dieser Ablauf.
- Fünf Minuten. Das Problem in einem Satz aufschreiben. Nur einen.
- Zehn Minuten. Drei Quellen ansehen, die nichts damit zu tun haben, etwa ein Kapitel aus einem fachfremden Buch, die Website einer anderen Branche und ein Objekt in Ihrer Umgebung, genau betrachtet.
- Fünf Minuten. Zu jeder Quelle notieren, welches Prinzip dort funktioniert. Nicht, was Sie übernehmen wollen, nur das Prinzip.
- Zehn Minuten. Jedes Prinzip gegen Ihren einen Satz halten. Was wäre, wenn mein Problem so gelöst würde?
Aus vier Durchgängen entsteht meist nichts Brauchbares. Aus vierzig schon. Das ist der ehrliche Teil dieser ganzen Angelegenheit. Man braucht die vielen unbrauchbaren Verbindungen, um zu den wenigen brauchbaren zu kommen.
Häufige Fragen
Woher kommt Inspiration?
Aus vorhandenem Material. Eine neue Idee ist fast immer eine neue Verbindung zwischen Dingen, die man schon kannte. Deshalb hat mehr Ideen, wer mehr Verschiedenes gesehen hat. Das Wort Inspiration beschreibt den Moment, in dem die Verbindung entsteht, nicht ihre Ursache.
Was tun, wenn keine Ideen kommen?
Zwei Dinge, in dieser Reihenfolge. Erst Material aufnehmen, das mit dem Problem nichts zu tun hat, dann das Problem eine Weile liegen lassen. Angestrengtes Weiterdenken auf demselben Weg führt zuverlässig zur selben Antwort.
Wie sammelt man Eindrücke so, dass man sie später nutzen kann?
An einem einzigen Ort, der in zehn Sekunden erreichbar ist, und mit einem Satz zum Zusammenhang. Nicht nur der Link oder das Foto, sondern was daran interessant war. Eine Sammlung ohne diesen Satz ist nach drei Monaten unbrauchbar, weil der Grund fehlt.
Hilft Spazierengehen wirklich beim Ideenfinden?
Dafür gibt es experimentelle Belege. In Untersuchungen von Oppezzo und Schwartz an der Stanford University erzeugten Gehende deutlich mehr brauchbare Einfälle in Aufgaben zum divergenten Denken als Sitzende, drinnen auf dem Laufband ebenso wie draußen. Der Effekt hielt kurz nach dem Gehen noch an.
Ist es erlaubt, sich bei der Konkurrenz inspirieren zu lassen?
Beobachten ja, kopieren nein, rechtlich wie praktisch. Der eigentliche Gewinn liegt ohnehin nicht in der Nachahmung, sondern in der Lücke. Was macht dort niemand? Welche Kundengruppe wird von allen gleich behandelt? Die Antwort darauf ist brauchbarer als jedes übernommene Merkmal.
Quellen & weiterführende Links
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