Kreativitätstechnik
Laterales Denken
Eine Aussage, die niemand begründen muss, und eine Idee, auf die der gerade Weg nicht führt. Der Oberbegriff hinter Kopfstand und Reizwort, als Technik und als Übung.
„PO: Das Restaurant hat keine Speisekarte.“ So beginnt laterales Denken, mit einer Aussage, die niemand begründen muss, und es endet bei einer Idee, auf die der gerade Weg nicht führt, in diesem Fall beim Gast, der dem Koch drei Zutaten nennt und sich überraschen lässt. Edward de Bono prägte den Begriff 1967, die Technik dahinter heißt Provokation. Sie lässt sich allein am Schreibtisch in einer Viertelstunde anwenden und in der Gruppe als Mittel gegen Runden, die immer dieselben drei Vorschläge liefern.
Lateral gegen vertikal
Vertikales Denken geht Schritt für Schritt. Jeder Schritt folgt aus dem vorherigen, und am Ende steht die Lösung, die aus den Annahmen folgt. Das ist der Normalfall, und für die meisten Aufgaben ist er richtig. Laterales Denken springt zur Seite, setzt irgendwo außerhalb der Logik neu an und sucht von dort einen Weg zurück. Wikipedia hält fest, dass die Bezeichnung 1967 von Edward de Bono eingeführt wurde, als Gegenbegriff zum vertikalen Denken. Umgangssprachlich heißt es auch Querdenken, und das lange bevor das Wort seit 2020 eine politische Bedeutung bekam. Hier geht es um die Denkmethode.
| Vertikales Denken | Laterales Denken | |
|---|---|---|
| Bewegung | Schritt für Schritt, jeder begründet | Sprung, Begründung erst am Ende |
| Annahmen | werden übernommen | werden absichtlich verletzt |
| Fehler | werden sofort aussortiert | dürfen eine Weile stehen bleiben |
| Ziel | die richtige Lösung | eine andere Lösung |
| Beispiel | Wartezeit senken durch mehr Personal | Wartezeit abschaffen, indem niemand mehr wartet |
Das Konzept liegt nah bei dem, was Joy Paul Guilford divergentes Denken nannte, und Wikipedia sieht zwischen beiden nur Nuancen. Für die Praxis reicht die Unterscheidung, dass divergent die Fähigkeit meint und lateral die Technik, sie auszulösen.
Die Provokationstechnik in drei Schritten
Von der Beobachtung zur Idee: Die Provokation ist die Brücke dazwischen.
Die Provokationstechnik ist das Werkzeug, mit dem laterales Denken auf Kommando funktioniert. Graham Horton von der Universität Magdeburg beschreibt sie in einer Unterlage seines Ideenlabors als Verfahren aus drei Schritten, Beobachtungen über die Ausgangssituation sammeln, daraus Provokationen ableiten und aus den Provokationen Ideen gewinnen.
- Beobachten. Was ist an der Ausgangslage selbstverständlich? Beim Restaurant etwa, dass es eine Speisekarte gibt, dass der Gast bestellt, dass der Koch kocht und dass bezahlt wird, nachdem gegessen wurde.
- Provozieren. Eine dieser Selbstverständlichkeiten wird verletzt und als Aussage formuliert, angekündigt mit PO. „PO Der Gast bezahlt, bevor er bestellt.“
- Bewegen. Was würde folgen, wenn die Aussage wahr wäre? Wer vorher zahlt, hat ein Budget und keine Rechnung, der Koch kocht für den Betrag, und die Karte entfällt. Daraus wird eine Idee, das Menü zum Festpreis nach Zutatenwunsch.
Der dritte Schritt schlägt oft fehl, und die Magdeburger Unterlage sagt das ausdrücklich. Das ist in Ordnung, denn eine Provokation kostet eine Minute, und von zehn tragen zwei. Wer bei der ersten aufgibt, hat die Technik nicht angewendet. Horton zieht daraus den Umkehrschluss: Eine hohe Trefferquote heißt, dass die Provokationen zu vorsichtig gewählt sind.
Fünf Wege zu einer Provokation
Provokationen entstehen aus fünf Operationen, die sich auf jede Beobachtung anwenden lassen. Die Magdeburger Unterlage nennt sie Verfälschung, Umkehrung, Idealfall, Übertreibung und Aufhebung von Annahmen.
| Weg | Was passiert | Beispiel Restaurant |
|---|---|---|
| Umkehrung | Die Aussage wird auf den Kopf gestellt | PO Die Gäste kochen, der Koch isst |
| Übertreibung oder Untertreibung | Eine Menge wird extrem groß oder klein | PO Das Restaurant hat einen einzigen Tisch |
| Verfälschung | Eine Eigenschaft wird ausgetauscht | PO Die Speisekarte ist essbar |
| Idealfall | Ein Wunsch gilt als erfüllt | PO Jeder Gast bekommt, worauf er Appetit hat, ohne zu bestellen |
| Aufhebung einer Annahme | Etwas Selbstverständliches entfällt | PO Das Restaurant hat keine Speisekarte |
Aus „Die Gäste kochen“ wird ein Abend, an dem Gäste unter Anleitung das Menü selbst zubereiten. Aus dem einen Tisch wird die lange Tafel, an der Fremde zusammen essen. Aus der essbaren Karte wird eine Vorspeise, die alle Hauptgerichte in Miniatur zeigt. Keine der drei Ideen ist neu, aber alle drei sind in zehn Minuten entstanden, und keine wäre aus der Frage „Wie wird unser Restaurant besser?“ gekommen.
Was ist PO?
PO ist ein Kunstwort ohne eigene Bedeutung. Es steht vor einer Provokation und sagt der Runde, dass jetzt etwas kommt, das nicht wahr sein muss. Die Magdeburger Unterlage nennt den Grund. Ungeübte prüfen eine Aussage sofort auf ihren Wahrheitsgehalt, und das Kunstwort PO soll genau das verhindern, weil es Aussagen ohne Begründungszwang erlaubt. Wer „PO“ hört, weiß, dass Einwände gerade nicht gefragt sind.
In der Praxis ist das Wort vor allem ein Schutz. Ohne PO sagt jemand „Das Restaurant hat keine Speisekarte“, und der Nächste antwortet „Das geht nicht, dann weiß doch keiner, was es gibt“. Mit PO lautet die Antwort auf dieselbe Aussage „Und was wäre dann?“. Zwei Buchstaben, und die Runde bleibt eine Minute länger in der Bewegung.
Wie hängt laterales Denken mit den 6 Hüten und der Kopfstandmethode zusammen?
Alle drei stammen aus demselben Werkzeugkasten. De Bono hat neben dem lateralen Denken auch die 6-Hüte-Methode entwickelt, und dort ist der grüne Hut die Phase für Alternativen und neue Ideen, in die eine Provokation gehört. Wer die Hüte nutzt, kann unter Grün eine Provokation setzen und bekommt so beides, den Sprung und die anschließende Prüfung unter Gelb und Schwarz.
Die Kopfstandmethode ist eine Provokation vom Typ Umkehrung, auf die ganze Frage angewendet und ohne PO. „Wie sorgen wir dafür, dass niemand kommt?“ ist das Gegenteil der Ausgangsfrage, und die Bewegung zur Idee heißt dort Zurückdrehen. Die Reizwortanalyse arbeitet nach demselben Prinzip mit einem Zufallswort als Sprungbrett, und der Reizwort-Generator liefert das Wort per Klick.
Wer das alles zum ersten Mal liest, braucht nur eines davon. Für eine Gruppe die Kopfstandmethode, weil sie ohne Erklärung funktioniert. Für sich selbst die Provokation, weil sie keine Gruppe braucht.
Fünf Übungen für den Alltag
Laterales Denken lässt sich üben, und Wikipedia merkt an, dass die Technik je nach Problemstellung nicht zwangsläufig zu einer praktisch umsetzbaren Lösung führt, aber neue Sichtweisen eröffnet. Genau das ist der Übungszweck. Geübt wird die Gewohnheit, Annahmen zu bemerken. Wer nach zwei Wochen merkt, dass er Annahmen in Besprechungen hört, bevor jemand sie ausspricht, hat die Übung verstanden. Dann ist es Zeit für die nächste Kreativitätstechnik, und für Gruppen für einen Block Moderationskarten, auf dem jede Provokation eine eigene Karte bekommt.
- Eine Provokation am Tag. Nehmen Sie einen festen Ablauf, den Arbeitsweg, die Besprechung, das Abendessen, und setzen Sie eine PO-Aussage dagegen. Drei Minuten für die Bewegung, dann weiter im Tag.
- Die Berufsfrage. Wie würde ein Pilot Ihr Problem lösen, eine Hebamme, ein Schiedsrichter? Jeder Beruf trägt andere Selbstverständlichkeiten mit.
- Das Gegenteil begründen. Nehmen Sie eine Entscheidung, die Sie für richtig halten, und finden Sie drei gute Gründe für das Gegenteil. Die Entscheidung bleibt, aber die Annahmen dahinter werden sichtbar.
- Die Zahl verdoppeln. Was wäre, wenn Sie doppelt so viele Kunden hätten, halb so viel Zeit, zehnmal so viel Platz? Übertreibung ist der einfachste Weg zur Provokation.
- Das Ding ohne seinen Zweck. Ein Regenschirm, der nicht vor Regen schützt. Ein Wecker, der nicht weckt. Was wäre er dann? Fünf Minuten, am besten mit Stift und Papier.
Häufige Fragen
Gibt es laterales Denken auch als Rätsel?
Ja, die sogenannten Laterale, bei denen eine knappe, rätselhafte Situation geschildert wird und die Lösung nur über Ja-Nein-Fragen zu finden ist. Sie trainieren dieselbe Bewegung, das Verlassen der ersten Annahme, sind aber Unterhaltung. Für die Arbeit an einer echten Frage ist die Provokationstechnik der direktere Weg.
Wie lange dauert eine Provokationsrunde in der Gruppe?
Rechnen Sie mit 30 bis 45 Minuten für sechs Personen. Zehn Minuten für die Beobachtungen, zehn für die Provokationen, eine je Karte, und den Rest für die Bewegung zu den zwei oder drei Provokationen, die die Gruppe ausgewählt hat. Länger lohnt sich selten, weil die Technik von der Geschwindigkeit lebt.
Muss man PO wirklich laut sagen?
In der Gruppe ja, und am Anfang fühlt sich das albern an. Nach zwei Runden ist es ein Signal wie das Klingeln am Anfang einer Besprechung. Wer allein arbeitet, schreibt die zwei Buchstaben vor jede Provokation. Das reicht, um den inneren Einwand für einen Moment zu vertagen.
Kann man laterales Denken lernen, oder ist es Begabung?
Es lässt sich lernen, und zwar wie eine Handbewegung, durch Wiederholung an kleinen Aufgaben. Begabt sind manche Menschen darin, Annahmen zu bemerken. Die Bewegung von der Provokation zur Idee ist dagegen Handwerk, und das Handwerk macht den größeren Teil der Ergebnisse aus.
Welches Buch von de Bono ist der beste Einstieg?
Für die Technik das Buch, das den Begriff im Titel trägt, auf Deutsch als „Laterales Denken“ erschienen. Es erklärt die Provokation, den Zufallsreiz und die Übungen dazu. Wer eher Gruppen moderiert, greift zu den sechs Denkhüten, dort steckt das laterale Denken im grünen Hut.
Quellen & weiterführende Links
Themenbereich: Kreativitätstechniken
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