Kreativitätstechnik
Brainstorming-Varianten
Wenn die Runde zum dritten Mal dieselben Ideen liefert, hilft keine neue Frage, sondern eine andere Form. Sieben Abwandlungen, sortiert nach der Stellschraube, an der sie drehen.
Beim dritten Termin in diesem Quartal sitzt dieselbe Runde vor demselben Flipchart, und nach zehn Minuten stehen dieselben Ideen an der Wand wie beim letzten Mal. Für diesen Fall gibt es Brainstorming-Varianten, und jede ändert eine Stellschraube der Methode, die Bewegung, die Richtung, den Takt, die Struktur, die Gruppe oder das Medium. Die vier Regeln von Osborn gelten in jeder Variante weiter. Was sich ändert, ist die Situation, in der die Gruppe denkt.
Was alle Varianten gemeinsam haben
Jede Variante setzt auf dem klassischen Brainstorming auf und damit auf seinen vier Regeln. Keine Kritik während des Sammelns, verrückte Beiträge sind erwünscht, Menge geht vor Güte, Aufgreifen ist erlaubt. Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung fasst die erste Regel in seiner Handlungsanleitung so, dass eine Bewertung oder Kritik der Äußerungen nicht erlaubt ist. Diese Regel überlebt jede Abwandlung. Eine Variante, die sie aufgibt, ist eine Diskussion mit anderem Namen.
Gemeinsam ist den Varianten auch der Grund, warum es sie gibt. Das klassische Brainstorming hat drei bekannte Schwächen, und jede Variante greift eine davon an.
- Es kann immer nur einer sprechen, und wer wartet, verliert seine Idee.
- In Gegenwart der Führungskraft halten sich viele zurück.
- Eine Runde, die sich kennt, liefert nach dem dritten Termin, was sie immer liefert.
Unter den Kreativitätstechniken sind die Varianten damit die kleinste Änderung mit der größten Wirkung, weil niemand eine neue Methode lernen muss.
Brainwalking: Ideen in Bewegung
Beim Brainwalking hängen im Raum vier bis sechs Plakate, jedes mit einer anderen Teilfrage, und die Gruppe wandert von Station zu Station. Das Tourismusnetzwerk Brandenburg beschreibt in seinem Methodenblatt einen Ablauf, bei dem nach fünf bis zehn Minuten die Moderation das Signal zum Wechsel gibt. Das Blatt rechnet mit 4 bis 12 Teilnehmenden und 60 bis 90 Minuten, und dort zieht die ganze Gruppe gemeinsam von Station zu Station. Mit Kleingruppen, die an verschiedenen Stationen starten, trägt die Variante auch Runden mit 20 oder 30 Personen, und so ist sie hier beschrieben. Jede Gruppe sieht jede Station, und an jeder Station findet sie schon Ideen der Vorgänger vor.
Brainwalking mit fünf Stationen und Kleingruppen: Nach dem Signal wandert jede Gruppe weiter und baut auf dem Vorhandenen auf.
- Vier bis sechs Plakate mit je einer Teilfrage im Raum aufhängen, an jedes gehört ein dicker Stift.
- Die Runde in so viele Kleingruppen teilen, wie es Stationen gibt, drei bis fünf Personen je Gruppe.
- Jede Gruppe sammelt an der eigenen Station fünf bis zehn Minuten und schreibt direkt auf das Plakat.
- Auf das Signal hin wandern alle eine Station weiter und bauen auf dem auf, was dort schon steht.
- Nach dem letzten Wechsel liest jede Gruppe das eigene Startplakat vor, dann wird gemeinsam bewertet.
Die Variante hilft Gruppen ab zwölf Personen und allen Runden, die nach dem Mittagessen einschlafen. Wer einmal zwischen zwei Stationen gelaufen ist, redet an der nächsten anders als am Tisch. Was es dafür braucht, ist eine Wand je Station, Kreppband und Plakate aus Flipchart-Papier in Menge.
Negativ-Brainstorming: erst die Hindernisse
Das Negativ-Brainstorming dreht die Richtung. In der ersten Runde sammelt die Gruppe nur, was gegen das Vorhaben spricht, Hindernisse, Einwände, Gründe fürs Scheitern. Die Handlungsanleitung des DIE führt die Variante als Negativ-Positiv-Brainstorming, bei dem zunächst nur negative und destruktive Aspekte gesammelt werden und erst danach die Lösungen.
Die zweite Runde geht die Hindernisse einzeln durch und sucht zu jedem den Ausweg. Das ist langsamer als eine freie Sammlung, trifft aber die Punkte, an denen ein Vorhaben in der Praxis scheitert. Für Vorhaben, die schon beschlossen sind, ist das die ehrlichere Variante.
Der Unterschied zur Kopfstandmethode liegt im Ton. Der Kopfstand dreht die Frage ins Absurde („Wie vergraulen wir jeden Kunden?“) und lebt vom Spaß an der Übertreibung. Das Negativ-Brainstorming bleibt ernst und fragt nach den echten Hürden. Für festgefahrene Runden passt der Kopfstand, für beschlossene Vorhaben das Negative.
Stop-and-go: der Takt
Stop-and-go wechselt zwischen lautem Sammeln und Stille. Drei bis fünf Minuten rufen alle Ideen zu, dann folgen drei bis fünf Minuten, in denen niemand spricht und jeder für sich nachdenkt oder notiert. Die KTH Stockholm führt die Variante in ihrem Arbeitsblatt unter den Formen des Brainstormings neben Reihum und Brainwriting auf.
Die stille Phase ist der Teil, der den Unterschied macht. In der lauten Phase gehen Ideen verloren, weil jemand anderes gerade spricht. In der Stille holt jeder nach, was er nicht loswerden konnte, und die nächste laute Runde beginnt mit neuem Material. Drei Wechsel in 25 Minuten reichen, danach ist die Luft meist raus. Ein Timer an der Wand nimmt der Moderation das Auf-die-Uhr-Schauen ab.
ABC und Kleingruppen: die Struktur
Die ABC-Methode gibt der Sammlung ein Gerüst aus 26 Buchstaben. Für jeden Buchstaben sucht die Gruppe eine Idee, deren Stichwort damit beginnt. Das klingt nach Spielerei und zwingt doch zu Beiträgen, die ohne das Raster nie gefallen wären, weil bei Q, X und Y niemand das Naheliegende sagen kann. In einer Runde zur Mitarbeitergewinnung stand bei A der Azubi-Tag, bei F die Freundschaftswerbung, bei Q der Quereinsteiger und bei Y der Rundgang durch die Werkstatt auf Video, und ausgerechnet Q und Y wurden später umgesetzt. Die Variante passt für Runden, die bei zehn Ideen stehen bleiben. Wikipedia nennt die Kehrseite: Ein wichtiger Begriff fällt unter den Tisch, wenn sein Buchstabe schon belegt ist, also lohnt sich eine zweite Spalte für Nachzügler.
Die Kleingruppen-Variante teilt die Runde nach Rollen. Die Anleitung des DIE nennt als Beispiel, dass Gruppe A Pro-Argumente und Gruppe B Contra-Argumente sammelt. Jede Gruppe arbeitet zehn Minuten für sich, dann werden die Plakate getauscht und ergänzt. Das Verfahren eignet sich für Entscheidungen, bei denen die Runde schon zwei Lager hat, denn es gibt beiden Lagern eine Aufgabe und nimmt ihnen den Streit.
Elektronisch und online
Beim elektronischen Brainstorming tippt jeder seine Ideen in ein gemeinsames Dokument oder ein digitales Whiteboard, gleichzeitig und ohne Namen. Das nimmt dem Verfahren die Blockierung, weil niemand warten muss, und den Chef-Effekt, weil niemand sieht, von wem ein Beitrag stammt. Laut Wikipedia verstärken sich die positiven Effekte elektronischen Brainstormings mit wachsender Gruppengröße.
Für eine Videokonferenz ist das die Variante der Wahl. Die Moderation stellt die Frage, alle schreiben fünf Minuten in das Dokument, danach wird laut sortiert. Das Dokument wird vorher mit der Frage als Überschrift und dreißig leeren Zeilen angelegt, sonst tippen die ersten drei Personen in dieselbe Zeile. Was fehlt, ist das Aufgreifen im Gespräch, und das holt eine zweite Schreibrunde nach, in der jeder die Beiträge der anderen weiterdenkt. Wer dauerhaft verteilt arbeitet, kommt mit dem Brainwriting meist weiter, weil es von vornherein schriftlich gedacht ist.
Überblick: Variante, Stellschraube, Gruppe
| Variante | Was sie ändert | Gruppengröße | Material |
|---|---|---|---|
| Brainwalking | Bewegung | 12 bis 30 mit Kleingruppen, 4 bis 12 nach dem Brandenburger Blatt | Plakate, Stifte, Kreppband |
| Negativ-Brainstorming | Richtung | 4 bis 12 | Flipchart |
| Stop-and-go | Takt | 4 bis 10 | Flipchart, Timer |
| ABC-Methode | Struktur | 4 bis 10 | Flipchart mit 26 Zeilen |
| Kleingruppen Pro und Contra | Gruppe | 8 bis 20 | zwei Plakate |
| Schriftlich, Brainwriting | Medium | 4 bis 12 | Karten, Pinnwand |
| Elektronisch | Medium | 5 bis 50 | gemeinsames Dokument |
Für alles über 20 Personen ohne Plakate ist das World Café das bessere Format, weil es Gespräche an Tischen organisiert. Die Plakate brauchen eine Wand, die Kreppband verträgt, oder eine Pinnwand je Station.
Fünf Fragen vor der Wahl
Welche Variante passt, entscheidet die Runde. Fünf Fragen reichen für die Auswahl, und wer danach noch unschlüssig ist, lässt sich vom Methodenfinder drei Vorschläge machen.
- Wie groß ist die Gruppe? Über zwölf Personen sprechen für Brainwalking oder Kleingruppen.
- Sitzt eine Führungskraft dabei, die alle kennen? Dann elektronisch oder Brainwriting.
- Kennt die Runde das Thema seit Monaten? Dann Negativ-Brainstorming oder ABC.
- Ist die Gruppe müde? Dann Brainwalking.
- Sind alle im selben Raum? Wenn nicht, elektronisch.
Häufige Fragen
Welche Brainstorming-Variante eignet sich für sehr große Gruppen?
Ab etwa 30 Personen keine mehr, die auf Zurufe setzt. Dann teilt man in Kleingruppen von vier bis sechs, lässt jede an einem eigenen Plakat arbeiten und führt die Ergebnisse am Ende zusammen. Das World Café ist dafür das ausgearbeitete Format, mit Tischwechseln und einem Gastgeber je Tisch.
Kann man mehrere Varianten in einem Workshop kombinieren?
Ja, und das ist der Normalfall. Ein Brainwalking am Vormittag liefert die Breite, ein Negativ-Brainstorming am Nachmittag prüft die drei Favoriten auf Hindernisse. Wichtig ist nur, zwischen den Varianten zu ordnen und zu bewerten, sonst stapeln sich 120 Karten, die niemand mehr sortiert.
Wie lange dauert ein Brainwalking?
Mit fünf Stationen und je sieben Minuten etwa 35 Minuten für die Runde, dazu zehn Minuten Einführung und 20 Minuten für das Vorlesen und Bewerten. Rechnen Sie mit einer guten Stunde, und planen Sie fünf Minuten für das Aufhängen der Plakate ein, bevor die Gruppe kommt.
Ist Brainwriting eine Brainstorming-Variante?
Streng genommen ja, es ändert das Medium von Sprechen auf Schreiben. In der Praxis wird es als eigene Methodenfamilie geführt, weil es eigene Regeln und eigene Abläufe hat, von der 635-Methode bis zur Kartenabfrage. Deshalb hat es auf dieser Seite eine eigene Beschreibung.
Braucht das Negativ-Brainstorming eine besondere Moderation?
Vor allem einen klaren Schnitt zwischen den beiden Runden. Die Moderation sagt laut an, wann die Hindernisrunde endet und die Lösungsrunde beginnt, und lässt in der zweiten Runde keine neuen Hindernisse mehr zu. Ohne diesen Schnitt rutscht die Gruppe in eine Beschwerderunde, aus der nichts mehr herauskommt.
Welche Variante funktioniert ohne Moderation?
Die elektronische. Wenn alle gleichzeitig in ein Dokument schreiben, braucht es niemanden, der Wortmeldungen verteilt oder Kritik stoppt, weil Kritik dort schlicht keinen Platz hat. Jemand muss nur die Frage einstellen und nach fünf Minuten zum Sortieren rufen. Alle anderen Varianten leben vom Taktgeber.
Quellen & weiterführende Links
- wb-web (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung): Handlungsanleitung Brainstorming, frischer Wind für das Denken, Stand 02/2016
- Tourismusnetzwerk Brandenburg: Methodenblatt Brainwalking, Stand 10/2026
- KTH Stockholm: Arbeitsblatt Brainstorming, Stand 10/2026
- Wikipedia (de): Brainstorming, Stand 10/2026
Themenbereich: Kreativitätstechniken
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